Das Buch handelt von der Geschichte, wie Gier und billiges Geld Wall Street korrumpiert und die Weltwirtschaft ins Wanken gebracht hat. Wie ist es aber möglich, dass die USA sich von einer robusten, unabhängigen Nation zu einer weichen Bailout Nation" entwickelt haben? Eine Bailout Nation", in der Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden, schreibt Bill Fleckenstein im Vorwort dazu. Was hat uns zu einem Kindermädchen für gut bezahlte Banker gemacht?" So beginnt Barry Ritholtz, um eine kurze Historie der amerikanischen Bailouts zu erzählen. Wussten Sie schon, dass es, bevor die heutige Federal Reserve (Fed) 1913 gegründet wurde, drei andere Versuche gegeben hat, in den USA eine Zentralbank auf nationaler Ebene einzurichten? Im ersten Abschnitt behandelt Ritholtz zunächst die Ära Pre-Bailout Nation" (1860-1942) und dann die Industrial-Era Bailouts" (1971-1995). Im zweiten Abschnitt geht der Autor auf die Bailouts im Aktienmarkt (1987-1995) ein, um anschliessend vor dem Hintergrund der zinsgesteuerten Wirtschaft die Irrational Exuberance Era" (1996-1999) sowie den Schiffbruch von HighTech Boom (2000-2003) zu erläutern.
Barry Ritholtz führt heute eines der beliebtesten Blogs über die Wirtschaft. Seit dem Start seines Blogs hat Ritholtz über 50 Mio. Seitenzugriffe verbucht. Er ist CEO und Direktor von Equity Research bei FusionIQ, einer online quantitativen Research Firma. Ritholtz ist ein häufiger Gast bei CNBC und der Autor der beliebten Apprentices Investor" Spalte bei TheStreet.com. Eat what you kill" ist die klassische Haltung in Wall Street gegenüber Risiken und Erfolgen, Gewinn und Verlust. Es gibt aber mittlerweile Market Player, die gescheitert sind, zu leben oder von ihrer eigenen Schwerter zu sterben. Sie erwarten, durch andere gerettet zu werden, und zwar von ihrer eigenen Torheit. Sie verkörpern einen Schön-Wetter-Glaube an freier Marktwirtschaft, der nur während guter Zeiten gilt. Das ist eine höchste Form der moralischen Feigheit", urteilt Ritholtz. Darauf basiert der rote Faden in seinem Buch. Es ist hinlänglich bekannt, dass übermässige Gier, Rücksichtslosigkeit und dumme Spekulationen gewöhnlich vom Markt bestraft werden. Das gegenwärtige System hat jedoch seinen Auto-Korrektur-Mechanismus verloren, hält Ritholtz fest.
Die allgemein gültige Prämisse, die einer Kreditvergabe zugrunde liegt, ist seit jeher die Fähigkeit des Kreditnehmers zur Rückzahlung des Darlehens. Es ist der grundlegende Aspekt des Finanzierungswesens. Seit Beginn der 2000er Jahren ist jedoch die fundamentale Basis aller Kredittransaktionen auf den Kopf gestellt worden. Es zählt nicht mehr die Fähigkeit des Kreditnehmers, das Darlehen zu bedienen, sondern die Fähigkeit des Kreditgebers, das Darlehen für Verbriefungszwecke weiter zu verkaufen. Das ist laut Ritholtz ein Paradigmenwechsel.
Die US-Notenbank (Fed) hat die Leitzinsen zu lange" und zu niedrig" gehalten und damit dafür gesorgt, dass sich die Immobilienpreise innert 10 Jahren verdoppelt haben. Es kam in diesem Umfeld nur noch auf die Fähigkeit des Kreditgebers an, den Hypothekenkredit zu verbriefen und wiederzuverpacken. Dadurch wurde ermöglicht, einen zutiefst fehlerhaften Prozess der Darlehenstätigkeit zu tarnen. Die Fed hat zugeschaut. Kreditmärkte wurden folglich wie eine Kaskade in Richtung Katastrophe verschickt, so der Autor. Es ist konsequent, dass die Fed und die Ratingagenturen in diesem Buch am stärksten ihr Fett abbekommen.
Aber auch Marktteilnehmer handelten oft unbeabsichtigt gegen eigene Interessen. Ein frappierendes Beispiel: Die SEC (US Aufsichtsbehörde) hatte vor Jahren eine als net capital rule" bekannte Regel eingeführt, um sicherzustellen, dass die Firmen an der Wall Street über genügend Eigenmittel verfügen: Ein Verschuldungsgrad (debt-to-net capital ratio) von 12 zu 1. Das heisst, dass die Finanzinstitute auf 1 $ EK höchstens 12 $ FK aufnehmen dürfen. Im Jahre 2004 ging die SEC aber auf den Wunsch der 5 führenden Investmentbanken (GS, ML, Lehman, Bear Stearns und Morgan Stanley) ein, indem sie Finanzinstituten mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 5 Mrd. $ erlaubt hat, sich nicht mehr an diese Regel zu halten. Unter der Führung des damaligen Goldman Sachs CEO Hank Paulson (den späteren Finanzminister und Bailout-König) erhielten die Investmentbanken eine spezielle Ausnahme, die damals ironischer Weise die Bear Stearns-Rule" genannt wurde. Der Verschuldungsgrad der erwähnten Investmentbanken kletterte prompt auf 30, 35, ja sogar 40 zu 1. Nur 4 Jahre später brach Bear Stearns zusammen. Lehman ging pleite. Und die restlichen Investmentbanken haben ihren Status als solche verloren. Dieses mit zahlreichen anschaulichen Abbildungen optimal konzipierte Buch ist ein Hammer. Ein genialer Lesestoff.