Die wohl berühmteste Bahnhofsszene der Weltliteratur ist die schicksalhafte Begegnung von Anna Karenina mit Graf Wronskij auf dem Petersburger Bahnhof. Diese wie auch die andere Schlüsselszene von Lew Tolstois Roman - Annas Selbstmord - stehen am Anfang eines wunderschönen literarischen Führers. Die Bahnhöfe dieser Welt sind von Dichtern immer wieder beschrieben worden, häufig genug - wie bei Tolstoi - spielen sie eine zentrale Rolle.
Lis Künzli hat mit Akribie die Bahnhof-Texte so großer Schriftsteller wie Thomas Mann (Davos und Venedig), Marcel Proust (Chartres), Kästner (Berlin), Ingeborg Bachmann (New York), Tabucchi (Mumbay) und vieler weiterer zusammen gestellt. So entstand ein wunderschönes Buch über Ankunft und Abfahrt und zugleich eine Kulturgeschichte des Reisens. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert war die Eisenbahn ja das nahezu alleinige Fortbewegungsmittel der Reisenden. Wunderbare Schwarz-Weiß Fotos sprechen eine ganz eigene Sprache. Es sind Bilder, die zum einen vom Luxus des Reisens erzählen, aber auch von denen, die diesen Luxus erst ermöglichen konnten: Gleisarbeiter und Zugpersonal. Bis heute ziehen viele Schriftsteller die Bahn den schnelleren Fortbewegungsmitteln vor, so dass auch zeitgenössische Autoren in diesem Band vertreten sind. Das Thomas Wolfe zum Beispiel eine besondere Beziehung zum Aachener Bahnhof hat, entnahm ich erst diesem Buch.
Es sind nicht nur die frohen Texte, die von Aufbruch und dem Beginn von etwas Neuem erzählen, enthalten. Häufig waren Bahnhöfe auch Schicksalsorte, die am Beginn einer Flucht ins Nirgendwo stehen, wie im Falle von Walter Benjamin. Auch in Kriegszeiten spielten Bahnhöfe eine wichtige, strategische Rolle, die häufig literarisch als prägende Eindrücke verarbeitet wurden!
Allen Bahnhöfen gemeinsam ist das Flüchtige, Hektische. Aber auch der Geruch von Abschied und Neubeginn.
Dass solche Orte geradezu eine Steilvorlage für gute Geschichten sind, liegt auf der Hand.
Eine gute Idee, nun dieses etwas andere Reisehandbuch für Literaturliebhaber herauszugeben! Zumal, wenn es so liebevoll, kenntnisreich und kurzweilig zusammen gestellt wurde! Ein Glücksfall!