Buchbesprechungen könnten durch Auslassung dazu führen, daß ein Leser ein zusammenhängendes Ganzes nur zu einem Teil oder in der unratsamen Reihenfolge liest. Die große italienische Schriftstellerin Dacia Maraini hat zwei Bücher unter vielen anderen geschrieben, die vom behandelten Stoff her auf ihrer Heimatinsel Sizilien angesiedelt sind. Beide Bücher sind unter dem sozialkritischen Blick einer modernen Frau geschrieben und thematisieren daher auch aufschlußreiche Frauenthemen.
Das erste der beiden Bücher, von der Handlung her im frühen 18. Jahrhundert angesiedelt, ist ein historischer Roman von Rang. Es schildert unter dem Titel Die stumme Herzogin das damalige Leben einer Frau aus dem Hochadel der Insel.
Das zweite, es heißt Bagheria. Eine Kindheit auf Sizilien, handelt von der Autorin selbst und ihren Vorfahren. Hier tritt uns die Autorin unmittelbar entgegen, wenn sie von ihren Wieder-begegnungen mit Sizilien, ihrer dortigen Kindheit und ihren weiblichen wie männlichen Ahnen aus der Adelswelt spricht, aus der sie kommt. Es sind zwei ganz unterschiedliche Begeg-nungen. Der Rückkehr aus einem japanischen Internierungslager nach 1945 zusammen mit den Eltern folgt zeitlich sehr viel später eine Art Abschiedsbesuch in Bagheria bei Palermo, der letztlich ihre innere Abkehr von der angestammten Gesellschaftsschicht verständlich macht.
Die aus dem Fernen Osten heimkehrende Familie kommt bei Großmutter Sonia in Bagheria unter, „die uns nicht mochte und nicht ertrug“, weil sie die Familie Maraini ablehnte: Der Va-ter und Ehemann von Dacias adeliger Mutter war bürgerlich und aus Florenz. Es zeugt von hohem schriftstellerischen Können, wie die Autorin den familiären Hintergrund und die einstige Lebenskraft der adeligen Großfamilie bis zurück zu jener taubstummen Herzogin Marianna Ucrìa vor unseren Augen wieder lebendig werden läßt und wie sie gleichzeitig den wi-derstandslosen Untergang ihres Standes an der unerfreulichen Figur der von ihr besuchten Tante Saretta in der Villa Vulguarnera in Bagheria festmacht. Dacia Maraini schaut zwar wehmütig zurück, aber sie verfällt keinem Trauma, denn dem gesellschaftlichen Wandel hat sie sich längst angepaßt. Als 18jährige hatte sie sich mit dem Weggang aus Palermo und dem Umzug zu ihrem Vater Fosco Maraini nach Rom von ihrem Herkommen gelöst. Tante Saretta beklagt im Gespräch mit der verachteten Nichte Dacia, einem „degenerierten Sprößling der Familie und bösartigen Auswurf“ ohnmächtig das Absterben des Adels. Süffisant karikiert die Autorin die alte Tante, die selbst das abschreckende Beispiel gibt, wie dünkelhaft, wirklich-keitsfremd und gestrig diejenigen sind, die in „trunkener Nachsicht sich selbst gegenüber“ dieser einst elitären Gesellschaftsschicht nachtrauern, die doch längst am Ende ihres Weges angekommen war. „Schafadelige“ nannte der selbst hochadelige Guiseppe Tomasi in seinem Gattopardo die kurzsichtigen Standesgenossen, die aus Raffgier ihre Lebensform in dem gesucht hatten, was man anderen entreißen konnte. Das konnte auf Dauer nur im Niedergang enden. Tomasi zeigt an seinem Titelhelden, dem sich so stark gebenden Fürsten Don Fabrizio Salina, die Merkmale auf, deretwegen der Adel nicht überleben konnte. Selbst an ihm sah er nämlich „die Trägheit und die Unfähigkeit, sich zu verteidigen“. In Marainis Bag-heria klingt das ebenfalls an.
Als farbiger Hintergrund des sozialen Niedergangs des Adels dient Maraini die bauliche Zerstörung der einstigen barocken Perle Bagheria. Wie der Niedergang der einstigen adeligen Bewohner der prachtvollen Paläste und Villen ist auch die Demolierung Bagherias menschlicher Unzulänglichkeit.
Und das soll der Leser alles in dem nicht sonderlich umfangreichen Buch über die Kindheit Dacias wiederfinden? Er findet sogar noch viel mehr und er wird nicht aufhören, zu lesen. Er wird mit der Nase auch auf das andere Buch gestoßen, das mit Bagheria zusammen erst das Ganze bildet. In der Villa Vulguarnera erblickt die Besucherin Dacia das Bild ihrer Vorfahrin, der Marianna Ucrìa. Die abgebildete Herzogin ist „eingesperrt in ihr steifes Gewand“ und sie blickt „resolut und hoffnungslos“ auf den Beschauer. Diese Charakterisierung könnte von der Lektüre abhalten. Das hätte diese farbenprächtige und auf viele, auch pikante Details eingehende geglückte Biographie Marainis nicht verdient. Sie ist ganz anders geschrieben als Bagheria, aber ohne die Stumme Herzogin gelesen zu haben - am besten vorher -, wäre das Buch über die Kindheit auf Sizilien nicht so schön und eingängig. Am Ende des Romans erleben wir Mariannas kurze Liebe zu ihrem schönen jungen Diener Saro. Das ganze Buch ist eine Liebeserklärung an Sizilien. Der Leser wird dieses Buch lieben.