- Gebundene Ausgabe: 174 Seiten
- Verlag: Klett-Cotta; Auflage: 1. (1996)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3608917764
- ISBN-13: 978-3608917765
- Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,2 x 1,8 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 433.072 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Jutta Stössingers literarischer Reisebegleiter
Zwischen Wismar und Danzig liegen aufgereiht wie am verschlungenen Schnürchen die Perlen der Ostsee. Kühlungsborn oder Ahrenshoop, Bansin oder Swinemünde heissen die Sommerfrischler-Stationen, deren mildes Klima die Pioniere des Tourismus bereits um 1800 entdeckten. Kaisertreue, Rheumakranke und impressionshungrige Poeten tankten hier auf, glänzten als Tänzer mit Nelke im Knopfloch auf poliertem Parkett oder fanden zurück zur Natur beim Spaziergang durch die Buchenwälder. Und kürzlich, als es den Arbeiter- und Bauernstaat noch gab, verschnauften die Werktätigen in den Betriebserholungsheimen von Rerik und Zinnowitz. Wo der Sprosser trällert und das Meer nur spärlich gesalzen ist, floriert das Geschäft mit den Urlaubern ungeachtet politischer Systeme und ökonomischer Strukturen.
«Die touristische Infrastruktur ist vorhanden, jede Graumäusigkeit muss weg», notiert Jutta Stössinger, Reiseredaktorin der «Frankfurter Rundschau», in dem soeben erschienenen literarischen Reiseführer «Badeleben». Nach der Wende hat sie sich mit Koautor Heiner Maier aufgemacht, die Küstenlandschaften der neuen deutschen Bundesländer bis nach Polen zu erkunden. Diese beschauliche, doch zielstrebige Ortsbesichtigung findet in Stadt und Sand, zwischen gotischen Backsteinmauern und in weitläufigen Buchten statt.
Als würde sie ihre Eindrücke in den nassen Putz ritzen, formuliert die Autorin knapp und prägnant. Ihre Sätze tupft sie leicht und locker hin und entgeht durch selbstironische Schlenker der Schönfärberei. Wenn sie zum Beispiel die «Besserwessis» aufs Korn nimmt, meint sie auch sich selbst. Wenn sie Widersprüche zwischen Ost und West benennt, vermeidet sie Larmoyanz und oberlehrerhaftes Timbre: «Sind einander noch immer nicht nah. Bildungsbürger aus dem Westen, also solche wie wir, fahren im Geiste gern mit einem Eimerchen Farbe und einem Säckchen Zement durch den Osten (Was man daraus alles machen könnte!). Andererseits sind sie geneigt, jeden Pumpenschwengel und jede Gaslaterne romantisch zu finden.»
Kritisch und schalkhaft, begeistert und distanziert zugleich beschreibt die Autorin das Land an der Bernsteinküste. Manchmal jedoch fährt sie sich selbst in die Parade. Dann zerstört sie ihren poetischen Grundton durch den offenbar unverwüstlichen Jargon der Reisejournalisten. Plötzlich grüsst ein Leuchtturm nach Dänemark, Bistros umgarnen den Gast, Masten winken. Auch Dachgiebel und Glocken beginnen heftig zu menscheln. Dabei hätte Jutta Stössinger von Maxim Gorki lernen können. Der liess nämlich einen seiner ambitionierten Dichterhelden sprechen: «Das Meer lachte, schrieb ich und glaubte lange, dass das gut sei.»
Ausser dem melancholischen Russen, der 1922 sein Lungenleiden in Heringsdorf kurieren wollte, zitiert die Autorin zahlreiche andere Schriftsteller von Alfred Andersch bis Carl Zuckmayer. Schreibenden Ostseeanrainern wie Uwe Johnson erteilt sie das Wort ebenso wie Peter Nádas, dem ungarischen Romancier, der als Fremder in Heiligendamm ein Wetterwunder erlebt.
«Ewigkeitsgefühle» angesichts der ungeheuren Weite steigen in Hans Fallada am Strand von Graal-Müritz auf. Kafka lernt dort 1923 seine letzte Liebe, Dora Diamant, kennen, die möglicherweise dazu beiträgt, ihn in einen Zustand der Verklärung zu versetzen: «Das Meer ist wahrhaftig in den 10 Jahren, seitdem ich es nicht mehr gesehen habe, schöner, mannigfaltiger, lebendiger, jünger geworden.» Und der Junge Erich Kästner wischt sich am selben Ort eine Träne ab, als ihn beim Anblick der flaschengrünen See «heiliger Schrecken» durchzuckt.
Ganz anders Wolfgang Koeppen 1906 in Greifswald geboren und nun in München gestorben. In seinem Roman «Jugend» lasten der Staub der Gesetze, der Wahn der Irren und der Tod über der kleinbürgerlichen Provinz: «Wie hasste ich diese Stadt und wünschte die Schlangen herbei, eine gleitende Natter um jeden Pfosten . . .»
Mit Geschick hat Jutta Stössinger Texte von grosser Bandbreite ausgewählt. In der Gegenwart lässt sie die Vergangenheit aufleben. Durch diese gehaltvolle Mixtur ist ein abwechslungsreiches Lesebuch geglückt, das den Ausflug in Uwe Johnsons Fischland oder ins Danzig des Blechtrommlers zu einer Reise in die Innenwelt werden lässt. Nicht vor den lindgrünen Datschen auf Rügen macht das Auge halt und nicht auf der spiegelglatten Oberfläche des Meeres. Der Leser dringt ein in die Schichten der Erinnerung. Er lässt den schönen Schein protziger Hansestadtkulissen links liegen. Mit Erich Kästners Hilfe entdeckt er die kleinen Wunder: gläserne Särge en miniature den goldgelben Bernstein, in dem Mücken und Fliegen, die «Zeugen der Urzeit», verewigt sind.
Christiane Schott
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