Zum ersten Mal packte Giorgio Moroder und Donna Summer der Ehrgeiz nicht nur etwas zum Tanzen zu produzieren, sondern gute Musik mit Melodien und aufwendiger Instrumentierung zu machen. Es entstand ein Konzeptalbum, das ein Meisterwerk der kurzen Ära des Disco Sounds wurde. Donna Summer schrieb einen Teil der Titel selbst, sensibel verfaßte sie Texte, die den damaligen Zeitgeist der jungen Menschen wiederspiegeln.
- Die Songs handeln alle von Liebe und Sexualität, aus femininem Blickwinkel. Donna teilt uns mit, daß Liebe Liebe und Sex eben Sex ist. Doch schildert sie die Schwierigkeiten, beides in einer Person zu finden. Die rastlose Suche nach beidem geht als roter Faden durch alle Songs dieser Vor-Aids Ära. (Am Rande: Die Odyssee hatte für Donna ein Jahr später ein Happy End als sie ihren Ehemann kennenlernte).
- "Hot Stuff" geht mächtig los mit einer Männerjagd und schwerer Gitarre. Ein lasziver Chor singt "Lookin' for some hot stuff baby this evenin'" womit nicht der Pizza-Service gemeint ist.
- "Bad Girls" ist der einzige Song, der etwas oberflächlich von käuflicher Liebe handelt - ohne eigentlichen Bezug zur Thematik der Doppel LP. Wahrscheinlich wurde dieser Aufhänger und das unpassende Cover der ebenholzfarigen Schönheit wieder gegen ihren Willen reingeröngt, da ihre Plattenfirma Donna noch unter "Sex sells" betrachtete Aber musikalisch ein feiner Funky Titel mit coolem "Beep Beep" Chor, der heute noch oft in Diskotheken gespielt wird. War wie der Opener 1979 längere Zeit an der Chartspitze mehrer Länder. Nach diesen beiden kommerziellen Singles beginnt das Werk thematisch ...
- "Love Will Always Find You" etwas langsamer mit einer schweißtreibenden Basslinie. Die optimistische Botschaft ist nun für alle Hörer geschrieben.
- "Walk Away", die Stimmung ändert sich. Weniger tanzbar, aber gute Melodie. Donnas Stimmakrobatik ist wirklich vielschichtig. Sie beklagt sich über die Abwesenheit ihres Freundes, sie kommt fast flehend "Walk away don't you see that I want you, here by my side..."
- "Dim All The Lights" beginnt langsam und entwickelt sich dann zu einem Track, der auf die Tanzfläche unter die silbernen Lichtkugel zieht.
- der Übergang zum nächsten Song ist wieder fließend wo Donna mit dem Lover von "Dim.." an die "borders of the mind" reisen möchte. Kosmisches Zirpen von Moroders Apparaten, ein bezwingender Bass, Saxophon und ein ohrwurmiger Chorus.
- "One Night In A Lifetime" behält die Saxophon-Linie und geht textlich plötzlich in Richtung One-Night Stand "I wanna make it with you". Der nächste Morgen ist ihr hier egal.
- "Can't Get To Sleep" lebt von der Hammondorgel. Hier bemängelt Donna die fehlende Aufmersamkeit ihres Lovers "Can't get to sleep tonight, no matter how I try". Doch auch den rührenden Satz, wo sie am Telefon der gleichen Person ihre Liebe gesteht.
Früher mußte man aufstehen und die Platte wechseln. Nun beginnen die Balladen:
- "On My Honor", die verlassene Donna bittet ihren Ex, doch wieder zu ihr zurückzukehren.
- "There Will Always Be A You". Sie bezeugt dem gleichen Mann, daß er immer ein wichtiger Teil ihres Lebens bleiben wird. Eine Kehrtwende um 180 Grad zu der ersten Hälfte.
- "All Through The Night", hat eine hübsche Melodie. Auch diese Ballade bleibt bei der Storyline des vorherigen Songs. Donna bittet ihn, doch nicht mehr anderswo zu suchen, da sie ihm noch so viel zu geben hat ...
- "My Baby Understands" ist die letzte leise Komposition.
- "Our Love", pulsierende Rhytmen, laser-artige Syntheszizer und ein Choral "Our love will last forever".
- Auch "Lucky" - mit seiner sanften Melodie - wurde ein Track den ich ins Herz geschlossen habe. Ein süßer Text mit Wortspielen von dem Mädchen Lucky das seinen Charme im Moment einem mysteriösen Fremden schenkt: "Lucky comes easy, Lucky's not shy, And if you're Lucky, You'll go for a ride". Hier läßt Moroders moderne Studiotechnik den Song wie von der Venus übertragen klingen.
- "Sunset People" führt von der intimen Atmosphäre des persönlichen Liebeslebens noch einmal in die kommerziellen Straßenzüge des Titeltracks. Musikalisch ist der glitzernde Boulevard ein starker Ausklang. Kein einziger Lückenfüller.
Und der günstige Preis macht "Bad Girls" (mit 70 Minuten) zu einem Pflichtkauf, auch heutigen Techno-Hörerinnen könnte das Werk gefallen. In dem heißen Sommer 1979 war "Bad Girls" 7 Wochen an der LP-Chartspitze. Ein noch besserer Kauf ist natürliche die remasterte Doppel-CD von "Bad Girls" mit vielen Maxi-Versionen der Single Auskopplungen noch zusätzlich. War mir aber zu teuer.
... meiner Ansicht hat die Disco-Bewegung von 1976-79 für die spätere Musikgeschichte 2 Werke hinterlassen: "Saturday Night Fever" und "Bad Girls". Und nur einen einzigen Superstar, der den Tod dieser Ära kreativ überlebte (und noch zwei Jahrzehnte mit neuen Stilen erfolgreich war) ... das war Donna Summer.
"Woman of affairs" war 1928 der visuelle Ausdruck vom rastlosen "live fast and hard" der Zwanziger Jahre. "Bad Girls" ist der konzentrierte Zeitgeist dieser schnellebigen Mentalität Ende der Siebziger Jahre.