Unwillkürlich mußte ich grinsen, als ich im Vorfeld zur Veröffentlichung des neuen Albums "Bad as me" unter den reichlichen Artikeln und durchweg und berechtigt positiven Kritiken in den Feuilletons mehrerer Blätter Anspielungen las, die "Bad as me" zum Auftakt eines zu erwartenden großartigen Alterswerks von Tom Waits erklärten. Er wird im Dezember 62 Jahre alt und insofern ist dieser Bezug durchaus zulässig und fast schon naheliegend.
Dennoch neige ich eher zu der These, Tom Waits hat sein Alterswerk bereits mit seinem Debüt-Album "Closing time" eröffnet. Als jenes offizielle erste Album im März 1973 in die Läden kam, war Waits 23! Eingespielt wurde es, Biographien zufolge, gar fast ein Jahr zuvor im April/Mai 1972 - unglaublich! Jeder der "Closing time" und die Folge-Werke kennt, wird bestätigen, Tom Waits klang schon damals wie ein Mann tief in der zweiten Lebenshälfte, dessen lange Vergangenheit vor allem ausführliche Turbulenzen, Abstürze und viel Alkohol vereinte und ihn an das verranzte Klavier einer verrauchten Bar trieb, um der Welt den Dreck der Straße in Liedern zu präsentieren.
Heute, 2011, ist Tom Waits in etwa in dem Lebensalter angekommen, wo er sich innerlich schon seit 40 Jahren zu befinden scheint. Davon lebt und danach klingt "Bad as me". Souverän balanciert er durch seine sperrigen Lied-Geschichten. Jedes Poltern, jedes Quietschen, jeder sanfte, melancholische Moment der wieder jäh durch ein unvorhersehbares Krachen unterbrochen wird, wirkt klug erdacht und man meint Tom Waits feixend seine Hörer beobachten zu sehen, wenn sie, ob der ein oder anderen unerwarteten Wendung, zusammenzucken.
Er ist und bleibt der ewige Schelm, der es vermag wie kein zweiter, einem Traurigkeit symphatisch zu präsentieren, Wut mit einem Augenzwinkern herauszupoltern und der wohldosiert echte, tiefe Melancholie einstreut, die er, bevor der Pathos überhand nimmt, mit intellektuell getarnter Albernheit abwürgt. Das macht ihn für mich zum Über-Künstler, zum Giganten unter den Singer-Songwritern.
Einzelne Songs hervorzuheben ist eigentlich Unsinn, denn für "Bad as me" gilt, wie für jedes Tom Waits Album, es ist ein Gesamt-Kunstwerk was man nicht zerpflücken sollte. Das Mitwirken aber von Keith Richards an vier Liedern der Platte sollte man erwähnen, denn gerade bei "Satisfied", Waits 46 Jahre verzögerte Antwort auf den Stones Klassiker "I can't get no satisfaction", würzt Richards mit seiner unverkennbaren eigenen Note nach und schlägt die Brücke zwischen beiden Songs, die nahezu ein unglaubliches halbes Jahrhundert auseinander liegen.
Wie groß "Bad as me" letztlich wirklich ist, wird man wohl erst nach einiger Zeit und nach vielem Hören sagen können. Ein Fünf-Sterne-Album ist es ganz sicher und ich vermute, es hat das Zeug zum absoluten Klassiker wie "Mule variations" (1999), "Rain dogs" (1985) oder "Closing time" (1973).
Unbedingt an dieser Stelle zu empfelen ist die Deluxe-Ausgabe, allein schon der aufwendigen Aufmachung in Buchform wegen! Aber auch die drei zusätzlichen Lieder auf der zweiten CD sind unverzichtbar. Mit "Tell me" versteckt sich auf dieser ein potentieller Rod Stewart Hit. Ich sage das mit allem Respekt, wissend, daß nicht unbedigt alle Tom Waits Fans begeistert sind von Stewarts Adaptionen von "Downtown train", "Tom Traubert's blues" und "Hang on St. Christopher". Ich mag sie. "Tell me" von Stewart aufgeblasen wie 1989 "Downtown train", könnte wirken, die Struktur des Liedes ließe es zu.
"Bad as me" ist das lang ersehnte neue Album von Tom Waits, ob der Beginn vom Alterswerk, darüber kann man streiten, ein verschrobenes Meisterwerk ist es auf jeden Fall! Aber auch das galt eigentlich schon für "Closing time"...