(Vorsicht, Spoiler!)
Koldo Serras spanisch-britischer Film "Bosque de sombras" (2006) wird für gewöhnlich mit zwei Klassikern der 70er Jahre verglichen. Da ist zum einen John Boormans Survival Movie "Deliverance" aus dem Jahre 1972 und zum anderen Sam Peckinpahs Drama "Straw Dogs" von 1971. Beide Filme sind beileibe keine Leichtgewichte, und vor allem an Bloody Sam gemessen zu werden, dürfte wohl keinem Regisseur gut tun.
Aber - so ist unschwer zu erkennen - Koldo Serra legt es geradezu darauf an, mit "Bosque de sombras" hoch hinauszuwollen, denn er verlagert die Handlung seines Filmes just in jenes Jahrzehnt, in dem auch die vier Kanufahrer und Dustin Hoffmans schüchterner Mathematiker es gegen eine Horde wildgewordener Hinterwäldler aufzunehmen hatten und dabei teilweise eine finstere Seite an sich selbst entdeckten. Der Schauplatz von "Bosque de sombras" ist das Baskenland im Jahre 1978, wo zwei lose befreundete Ehepaare miteinander ihren Urlaub verbringen wollen. Der Ältere der beiden Männer, Paul (Gary Oldman), hat das Haus seiner Großmutter gekauft, das sich abgelegen inmitten eines Waldstücks befindet. Anders als seine Frau Isabel (Aitana Sánchez-Gijón) liebt er es, die wilde Natur zu durchstreifen, und er sehnt sich nach einem Leben außerhalb der Stadt. Norman (Paddy Considine), der jüngere Mann, hat eine Zeitlang für Paul gearbeitet und befindet sich noch immer in der undankbaren Rolle des Sidekicks. Seine Frau Lucy (Virginie Ledoyen) ist recht genervt von der Dominanz Pauls und scheint sich im übrigen auch nicht mehr wohl in ihrer Ehe zu fühlen. Bei einem Jagdausflug finden die beiden Männer in einer Hütte ein verwahrlostes und völlig verängstigtes Mädchen, das an den Händen an Ektrodaktylie leidet. Auf Pauls Initiative hin nehmen die zwei das Mädchen mit sich nach Hause und beschließen, ihre Entdeckung der örtlichen Polizei mitzuteilen. Mittlerweile indes haben vier im Dorf lebende Brüder von dem Verschwinden des Mädchens, das sie als ihre Schwester deklarieren, erfahren und sich - natürlich bewaffnet - auf die Suche nach ihm gemacht. Schnell scheint ihnen klar zu werden, daß nur die Fremden ihre Schwester aus der verfallenen Hütte haben befreien können.
Serra gelingt es sehr gut, den rauhen Realismus der 70er-Jahre-Thriller einzufangen, was aber vor allem der Anlehnung an seine beiden Vorbilder geschuldet ist. Die Dörfler sind von Anfang an mehrheitlich feindselig und verschlossen, wobei einige von ihnen ein lüsternes Interesse an der jungen Lucy nur schlecht verhehlen - weil sie dazu zu lüstern und zu tumb sind. Später dann verschaffen sich zwei von ihnen Zutritt zu dem Haus der Urlauber, in dem zu jenem Zeitpunkt nur die Frauen sind, und versuchen, Lucy zu vergewaltigen. All dies sind deutliche Anleihen bei "Straw Dogs", ohne daß Serra in diesen Punkten wirklich eigene Akzente setzt. Andere Parallelen zu den beiden Filmen hingegen erhalten bei Serra eigenen Charakter. So gibt es, wie auch in "Deliverance" Spannungen zwischen den Städtern. Paul ist der Macher und Ansager, der es seiner Frau schwer verübelt, daß diese seinem Vorschlag, der Zivilisation doch ganz den Rücken zu kehren, keine Begeisterung entgegenbringt. Ähnlich wie Lewis (Burt Reynolds) in "Deliverance" scheint er die Stadt und ihre Lebensweise zu verachten und sich nach dem, was er für ein natürliches Leben hält, zurückzusehnen, wobei er seinen Freunden vorwirft, sie seien unfähig, die Natur zu genießen. Daß seine Großmutter aus der Gegend kam, macht ihn in seinen Augen beinahe schon zu einem Ortsansässigen, zumal er - anders als Lucy und Norman - fließend Spanisch spricht, weil er es gelernt hat. Auf der Jagd im Wald verfällt er sehr schnell in sozialdarwinistische Platitüden von "Jägern und Gejagten" und bedeutet Norman auch mal unwirsch, ihm das Denken zu überlassen. Dabei hat er - teilweise - aber auch wirklich etwas auf der Pfanne und ist beherzt zur Stelle, um das Mädchen aus seiner Gefangenschaft zu befreien. Allerdings - so muß man sich fragen - bleibt offen, ob Abenteuerlust oder aber echtes Mitleid mit der Eingekerkerten sein treibendes Motiv ist. Norman hingegen ist ein blasser Mitläufer, dem nicht wohl in seiner Haut ist, als Paul beschließt, das Mädchen mitzunehmen. Eingeschüchtert von den Dorfbewohnern sowie von Paul und frustriert über die Ablehnung durch seine Frau, die sich unter anderem auch im Bett niederschlägt, steht er lange Zeit in zweiter Reihe. Dann plötzlich gerät er in die Situation, den Mann, der gerade versucht, seine Frau zu vergewaltigen, mit einer Bleifahrkarte ins Jenseits zu schicken. Von nun an bricht sich die lang in ihm aufgestaute Wut Bahn, allerdings in kalter, apathischer Manier, und er scheint die Einladung des Coen-Songs, der anfangs in seinem Autoradio lief, angenommen zu haben. Denn von nun an schießt er seine Widersacher nieder, auch wenn diese längst ihre Waffen gestreckt haben.
Es ist die Person Normans, die die eigentliche Faszination dieses Filmes ausmacht und deren Entwicklung gegenüber den (Anti-)Helden Boormans und Bloody Sams eigene Akzente setzt. Hier tut sich ein ziemlich unangenehmer Blick in die menschliche Psyche auf.
Interessant ist auch, daß Serra am Ende des Filmes es auch fertigbringt, ein Quentchen Verständnis (im hermeneutischen Sinn) für das Verhalten Josés, des Anführers der vier Brüder, zu erzeugen. Wir erfahren schließlich, daß das Mädchen gleichzeitig Schwester und Tochter Josés ist und daß die Dorfbewohner die Behinderung der Unglücklichen als göttliche Strafe einer inzestuösen Beziehung ansehen, weshalb man die Arme eben in einer abgelegenen Hütte einsperrte. Nicht nur das Mädchen strebt am Ende in die Arme seines Vaters/Bruders, sondern auch José selbst scheint zwischen Liebe zu dem Kind und dem Gefühl der Schande hin- und hergerissen zu sein. Insofern sind die "Schurken" in "Bosque de sombras" ein wenig differenzierter als die üblen Typen, die in "Deliverance" und "Straw Dogs" ihr Unwesen treiben.
Dies wirft am Ende - mit dem Lied Leonard Coens - nochmals die Frage auf, ob es klug war, das Mädchen aus der Hütte zu befreien, und auch hier scheint Serra - vielleicht auch leider zur Freude radikaler Werterelativisten - keine eindeutige Antwort zu finden. Die Motive, die Paul zur Rettung trieben, erscheinen angesichts seiner Persönlichkeit nicht unbedingt edel und hehr, und auch seine Frau, die anfangs großes Mitleid mit dem Mädchen verspürte, ist im Angesicht der Gefahr plötzlich bereit, die Fremde zu verraten. Die letzte Szene zwischen dem Kind und José dann ist völlig dazu angetan, Zweifel zu säen.
Angesichts dieses Potentials des Filmes, zum Nachdenken über verschiedene Fragen anzuregen, erscheinen kleine handwerkliche Fehler wie Serras Neigung, die gegnerischen Fraktionen à la Kasperletheater-Choreographie sich stets unmittelbar von rechts nach links im Bildausschnitt abwechseln zu lassen, so als sei der Wald nur ein paar Quadratmeter groß, durchaus läßlich.
Daß der Film überwiegend auf Unverständnis zu stoßen scheint, mag daran liegen, daß er diejenigen, die einen handfesten Actionfilm oder Survival Thriller erwarten, unbedingt enttäuschen muß. Das Hauptaugenmerk des Regisseurs liegt eben auf den Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren, denn nur ausgehend von den sozialen Problemen und Frustrationen, denen sie erliegen, sind ihre unterschiedlichen Entwicklungen und Handlungen verständlich.
Auch wenn Serra an seine beiden großen Vorbilder - insbesondere Peckinpah - sicher nicht heranreicht, hat er mit "Bosque de sombras" einen packenden Film gedreht.