Es ist etwa 15 Jahre her, dass die Queen of Country-Music, Dolly Parton, ein Album mit Mainstream-Country veröffentlichte. Obwohl 1993 "Slow Dancing with the Moon" fast an die Spitze der Country-Charts gelangte (und auch einen respektabeln Platz in den Pop-Charts fand), entschied sich Dolly dazu eine andere Musik zu machen. Von ihrem tradationellem Country-Live-Album "Heartsongs", bis schließlich zum puren Bluegrass, der ihr zwei weitere Grammy-Awards und beste Kritiken einbrachte.
Einmal möchte sie nochmal an die Spitze gelangen, sagte Dolly bei einem ihrer zahlosen Interviews, welches sie Radio-Sendern, Zeitungen und TV-Sendern gab, um die Welt auf ihr neues Album vorzubereiten. Die erste Single "Better Get to Livin'" ließ Dolly ihr Ziel nicht erreichen, doch dies war eindeutig die Schuld der Radio-Sender, die sich schlicht weigern, einen so alten Entertainer, wie Dolly es nunmal ist, in ihr Programm mit aufzunehmen. Der Song kam bei Fans und Musikkritikern durchweg gut an und gab schonmal einen kleinen Vorgeschmack auf das, was das neue Album zu bieten hat.
"Backwood's Barbie" ist purer Mainstream, mit ein paar Ausflügen in den Pop- und Blues-Bereich. Das Album beginnt mit der eben erwähnten Single. Eine Aufforderung dazu, sein Leben bewusster zu leben, sich auf das Positive zu konzentrieren, anstatt immer nur über Übergewicht oder sonstige Unannehmlichkeiten herumzuheulen.
Track 2 ist das deprimierende "Do You Think I'm Made of Stone", in dem Dolly ihren Herzschmerz rausposaunt, als hinge davon ihr Leben ab. Sehr berührend und wunderbar geschrieben.
Eine große Überraschung ist der dritte Song. Eine Cover-Version von "She Drives Me Crazy", die Dolly in "You Drive Me Crazy" umgedichtet hat. Der Song ist ein perfektes Beispiel dafür, wie gut Dolly Parton darin ist, Klassikern aus den verschiedensten Musikrichtungen, ihren persönlichen Stempel aufzudrücken (man denke an ihre Versionen von "Stairway to Heaven", "Imagine", ...). Durch den Einsatz von typischen Country-Instrumenten holt Dolly aus diesem Pop-Hit der 80er alles raus, was ein Song zu bieten hat.
Dann folgt der Titel-Song "Backwood's Barbie". Und ... kaum zu fassen ... Dolly ist tatsächlich ein Lied gelungen, welches es durchaus mit ihrem Meisterwerk "Coat of Many Colors" aufnehmen kann. Sie besingt darin ihr Aussehen, ihr Markenzeichen, erzählt, warum sie so aussieht, wie sie es tut und gibt zu, dass sie wahrscheinlich heute ganz woanders sein könnte, hätte sie auf ihre Grotesk-Perücken, das laute Make-up und die "Twin-Peaks-Oberweite" verzichtet, aber ihr Look sei halt die Vorstellung eines einfachen Mädchen vom Lande was Schönheit angeht. Und Dolly drückt ordentlich auf die Tränendrüse, wenn sie am Ende des Liedes meint, eine zweite Chance verdient zu haben und "ich bin halt nur eine Hinterwäldler-Barbie, die um eine neue Chance bittet".
Tatsächlich schafft Dolly genau das, was sie mit dem Song erreichen will. Dem Hörer zeigen, dass da an diesem Mega-Busen noch ein Mensch dranhängt ... mit Gefühlen und einer Menge Talent.
Die ersten vier Songs sind einer nach dem anderen super. Etwas daneben ist "Jesus and Gravity". Obwohl das Lied vom Text und Gesang er hervorragend ist, passiert Dolly wieder das, was schon in der Vergangenheit so manch tollen Song niedergemacht hat: sie überproduziert. So schön das Lied auch beginnt, am Ende kreischt der Gospel-Chor den Namen des Erlösers so laut, dass Dolly Parton's freudige Bekenntnisse zum Glauben total untergehen. Die Melodie verabschiedet sich nach einer Weile auch. Und am Ende bleibt das Gefühl "schade, so ein schönes Lied, mit so einem schrecklichen Ende". Und als wenn das nicht schon dumm genug ist, passiert das gleiche mit dem nächsten Song "Only Dreamin'". Die Lyrics sind wunderbar. Traurig, traurig und nochmals traurig. Und am Anfang klingt alles auch ganz nett. Aber das Lied zieht sich dann doch sehr in die Länge, findet kein Ende und die Instrumente, die einzeln ja ganz schön sind, verheddern sich irgendwie, so dass man doch froh ist, wenn Dolly mit "The Tracks of My Tears" beginnt. Dabei hält sie sich ziemlich am Original. Macht damit also nicht viel falsch, aber auch nicht viel besser. Es ist aber ganz schön, auch diesen Song von Dolly in der Sammlung zu haben.
Dann geht es weiter mit Blues. Und, Hut ab, "Lonesomes" ist mal so richtig nett anzuhören. Hier stimmen wieder die Background-Singer, untermalen Dolly's einmalige Stimme und man wünscht sich noch einen weiteren Song dieser Machart. Den gibt es aber nicht, dafür kommt aber "Cologne", und damit einer der besten Songs in Dolly's Karriere. Es geht mal wieder um Betrug. Diesmal ist sie aber, anders als bei "Jolene", die Frau, zu der ein Mann Ausflüge ins Bett macht. Aber Dolly singt, dass es nie ihre Absicht war zu betrügen und verzweifelt an ihrer Situation, denn sie will niemanden verletzen, ist aber doch so verliebt in diesen Mann, der sie bittet auf Colonge zu verzichten, da man ja Make-up und Lippenstift gut abwischen kann, nicht aber Parfüm.
Dann geht es weiter mit "Shinola". Hier beweist Dolly wieder, wie gut sie über Männer herziehen kann, die ständig nur auf Frauensuche sind. Das kennen wir schon so ungefähr von "Time for me to fly" oder auch "I'm Gone". Dann kommt so eine typische 60er-Jahre-Ballade. Und thematisch geht es darin um Rosen, an denen so eine Nachricht angetackert ist, die das Ende einer Beziehung bedeutet: Bye-bye. Leider hatten wir genau dieses Thema schon 1989 in "Yellow Roses" und an dieser Stelle des Albums hab ich mich gefragt, warum Dolly nicht stattdessen "I dreamed about Elvis" aufs Album gepackt hat. Das hatte sie auf ihren Konzerten im Vorfeld angekündigt. Und ich fand dieses Duett mit Dolly und einem Elvis-Double, welches dann in ein gemeinsames "I Will Always Love You" ausartet, echt gelungen.
Am Ende verabschiedet sich Dolly mit "Somebody's Everything". Da geht es dann nochmal darum, dass sie gerne das Ein und Alles für einen anderen Menschen sein möchte. Am besten von einem, in den sie auch noch verliebt ist. Kitsch, wie man ihn von Dolly gewohnt ist.
"Backwood's Barbie" IST ein gutes Album. In der zweiten Hälfte flacht es etwas ab. Aber es gibt soviele gelungene Songs auf der CD, dass sie ihr Geld durchaus wert ist.
Am zweiten Tag nach Erscheinen, schaffte es das Album in den USA, Canada und dem United Kingdom auf Platz 1 der iTuens-Download-Charts (Country) ... damit hat Dolly ihr Ziel erreicht ... denn diese Charts sind mittlerweile wohl wichtiger, als die Billboard-Charts.
In Deutschland ist die CD bisher nicht leicht zu kriegen. Sie ist der Erstling von Dolly neuer (und eigener) Plattenfirma. Viele Geschäfte werden gar nicht mit "Barbie" beliefert, und bestellen nur auf Wunsch.
Im Sommer kommt Dolly auch wieder nach Europa mit ihrer "Backwood's Barbie"-Tour. Wer das Album gehört hat, will ganz sicher auch diese Barbie die Songs live singen sehen.