Aus der Amazon.de-Redaktion
Zum Glück sind im Indie-Rock die Zeiten ideologischer Grabenkämpfe und Eifersüchteleien vorbei – das haben die skandinavischen Metaller übernommen. Pearl Jam sind heute das, was sie zu ihrem Karrierestart nicht sein durfte, nämlich nichts weiter als eine sehr gute Rock-Band. Die ruft auch auf ihrem neunten Studioalbum
Backspacer von kraftvollen Nummern zu Balladen das gesamte Spektrum ihres Könnens ab. Ob sich auch Hymnen darauf befinden? Das entscheidet die Geschichte, so wie sie es auch beim Debüt
Ten tat. Trotz unfassbar guter Songs wie „Once“ oder „Alive“ verkaufte sich das Album erst schleppend, um dann im Sog von Nirvanas
Nevermind über einem Dutzend Platinauszeichnungen abzuräumen. Pearl Jam mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, eine Genre auszuverkaufen. Dabei kamen ihre Mitglieder aus Prototypen wie Green River oder Mother Love Bone, nur dass sie anfingen, die Wut und Angst des Grunge mit den großen Gesten des Stadionrocks anzureichern. Ängste und Wut spielen verkaufte 60 Millionen Alben später keine große Rolle mehr. Pearl Jam kämpfen auch nicht mehr an allen Fronten und auf Benefizkonzerten wie einst gegen die Bush-Administration, den Konzertmonopolisten Ticketmaster oder für Umwelt- und Tierschutz. Ein paar Feindbilder sind ja mittlerweile verschwunden, und so hat Songwriter, Sänger und Gitarrist Eddie Vedder Licht ins Dunkel seiner Gedanken gebracht.
Backspacer ist mit seinen elf Tracks ein sehr konzentriertes und kompaktes, knapp 37-Minuten-Werk, das startet, als gebe es kein Morgen mehr. „Gonna See My Friend“ heißt das schnelle und harte Rock-Stück, dem die Grunge-Veteranen und letzten Mohikaner eines untergegangenen Genres mit „Got Some“, „The Fixer“ oder „Johnny Guitar“ weitere Kraftakte folgen lassen. Dann geht Pearl Jam auf angenehme Weise die Puste aus, das wunderschöne „Just Breathe“ ist nach Vedders Aussage, so dicht an einem Liebeslied wie noch nie in der 1990 in Seattle gestarteten Karriere von Pearl Jam. Gut tat die Band daran, wie einst auf
Vs. und
Vitalogy wieder mit dem Produzenten Brendan O’Brian zu arbeiten. Dessen Erfahrung mit Rock-Titanen wie Neil Young, Aerosmith, AC/DC oder Bruce Springsteen einerseits, Alternative-Bands wie Rage Against The Machine, Offspring oder The Bravery anderseits bilden genau die Schnittmenge, in die auch Pearl Jam passen. -
Sven Niechziol
Kurzbeschreibung
Spiegel.de : Ein Befreiungschlag. "Here I am/Riding high amongst the waves" singt der passionierte Surfer Eddie Vedder in einer Hymne in der Mitte des neuen Pearl-Jam-Albums, so voller Inbrunst und Energie, dass man sich ein bisschen dafür schämt, die letzte der großen Grunge-Bands schon abgeschrieben zu haben. Seit Anfang des Jahrzehnts schienen sich Vedder, Mike McCready, Stone Gossard, Jeff Ament und Matt Cameron in einer diffus wabernden Wolke der Unausgegorenheit verloren zu haben; je expliziter Frontmann Eddie bei Konzerten und anderen öffentlichen Auftritten gegen die Regierung George W. Bushs wetterte, desto unpointierter wurden Alben wie "Binaural", "Riot Act" und zuletzt "Pearl Jam". Vielleicht hat die Erlösung und Erleichterung, die Amerika durch die Wahl Barack Obamas erfuhr, ja auch bei den Veteranen aus Seattle für neue Lockerheit gesorgt. Schon erstaunlich: Nach U2 ist Pearl Jam schon der zweite vermeintlich saturierte Rock-Brocken, der in diesem Jahr zu neuer Form aufläuft."Backspacer", knappe 36 Minuten kurz und von Band-Intimus Brendan O'Brien produziert, wird durch ein rumpelndes Song-Trio eröffnet, das die Band auf beeindruckende Art und Weise zu ihren Punk-Ursprüngen zurückführt: "Gonna See My Friends", musikalisch zwischen Stooges- und Who-Einflüssen, ist der joviale Freudenschrei, den ein für Jahre Eingesperrter ausstößt, der erstmals wieder warme Frühlingsluft wittert. "Got Some" ist druckvoll und drängend, und "The Fixer", eine hübsche Kinks-Hommage, erzählt von einem Gutmenschen, der es liebt, die Dinge besser zu machen. Optimismus überall. Danach verliert das Album etwas an Fahrt, zugunsten der Ballade "Just Breathe", die an den akustischen Stil von Vedders Solo-Soundtrack-Album "Into The Wild" anknüpft - der Duft von Freiheit und Abenteuer. "Johnny Guitar", mit einem rückwärts gespielten Gitarrenriff, zeigt dann wieder mit faszinierender Virtuosität, dass diese Band aus exzellenten Instrumentalisten besteht. Am Ende, nach dem lebensbejahenden "Alive"-Pendant "Amongst The Waves", geht es noch einmal auf Nick-Drake-Terrain, wenn Vedder in "The End" Frieden mit sich selbst und den zerrütteten Bush-Jahren findet. Konzentrierter, vielseitiger, vitaler hat man Pearl Jam lange nicht gehört. Ein mit Herz, Muskeln und Hirn vollgepacktes Kraftpaket von einer Rockplatte. (9) Andreas Borcholte