Zwei Mädchen aus dem "Disney Club", einer amerikanischen Kinderserie, sind zu Weltstars geworden: Britney Spears und Christina Aguilera. Während Britney ihrem Image des properen All-American-Girl, das mit Erotik kokettiert, ohne wirklich sexy zu sein, stets treu blieb und nun, am Ende ihrer Karriere, als sozialbedenkliche "White Trash"-Mutter Schlagzeilen macht, hat es sich Christina Aguilera zur Aufgabe erkoren, das Credo ihres Vorbilds Madonna überzuerfüllen: Sie erfindet sich immer wieder neu. Kaum eine Single, die nicht mit einer neuen Imagevariante daherkam. Vom süßen Kaugummimädchen zur Sexy-Hexy "Xtina", die in Chaps und BH gekleidet "Dirrty" schmettert, sich als Mottenwesen in "Fighter" zur Mini-Björk aufschwingt und zwischendrin mit "You're beautiful" die Hymne aller Randgruppen und kleinen dicken Mädchen, die sich auch nicht so wirklich geliebt fühlen, singt. Das tut sie stets ohrwurmtauglich und chartskompatibel und verlässlich. Ein bisschen wie Coca-Cola, die auch immer gleich schmeckt und nie enttäuscht. Ansonsten modelt Fräulein Aguilera, lässt sich die Brüste aufpolstern und die Haare schneiden/färben/verlängern, singt ein Werbelied für Mercedes (oder war es BMW?), eröffnet den Sommerschlussverkauf im Nobelkaufhaus Harrods, lässt sich aus Anlass ihrer Hochzeit am Arm tätowieren. Kurz: Ich habe mit so ziemlich allem gerechnet, nur nicht damit, dass sie ein wirklich überzeugendes Album veröffentlicht. Und das hat sie nun getan. "Back to Basics" ist laut Aussage der Sängerin eine Liebeserklärung an die Musik ihrer Kindheit, an R&B, Soul, Blues, Jazz. Was Schlimmes vermuten lässt. Aber anders als zum Beispiel die No Angels mit ihrem grenzwertigen Ausflug in die Big-Band-Ära oder Robbie Williams mit seinem grundsätzlich gelungenen Swingalbum stolpert Christina Aguilera nicht in die Falle, sich selbst in einer zu großen Vorgabe zu verlieren. "Back to Basics" ist hundert Prozent Christina Aguileras Art zu singen, kombiniert aber mit ungewöhnlichen Liedern und Arrangements. Die so entstehende Mischung aus, sagen wir mal, amerikanischer Coca-Cola und mittelschweren Rotwein, überzeugt von Lied zu Lied mehr und gewinnt als Gesamtkonzept eine mitreißende Eigenständigkeit und Authentizität. Anspieltipps sind sicher "Oh Mother" (sanft und schön mit bewegendem Text), "Still Dirty", "Enter the Circus" und ... und ... und eigentlich jedes der 22 Lieder. Der Diskussion, ob nun die erste oder die zweite CD mitreißender ist, kann geführt werden, muss aber nicht sein. Ein besonderes Kompliment für das opulent gestaltete Booklet und die überzeugende Preisgestaltung für ein Doppelalbum. Kurz: Wer Christina-Aguilera-Fan ist, wird begeistert sein. Wer - wie ich - Christina-Aguilera-"Irgendwie okay"-Finder ist, wird erstaunt sein, was diese Frau zu bieten hat, und "Back to Basic" so schnell nicht aus der Stereoanlage nehmen.