Aus der Amazon.de-Redaktion
Im Anfang war die Tat: "berühren, (an)greifen, schlagen". Das italienische Verbum toccare spricht von einem sehr konkreten, dinglichen Vorgang, von Muskeln, die sich bewegen und mit ihrer Kraft auf einen Gegenstand einwirken. Und so verdeutlicht die Toccata, die Geschlagene, das Schlagstück, in erster Linie jenen a priori aggressiv-energetischen Prozess, der Voraussetzung ist für das Erklingen jeglicher Musik: die menschliche Muskelbewegung und -kraft, die auf einem Instrument Töne hervorbringt. Seit ihrer Entstehung im Italien des späten 16. Jahrhunderts verstand man denn auch unter Toccata vor allem Musikstücke von ungestümer Motorik und Virtuosität. Als über hundert Jahre später Johann Sebastina Bach seine sieben
Toccaten für Cembalo komponierte, hatte sich die Toccata unter dem Einfluss der norddeutschen Organistentradition verändert und geweitet zu einer großangelegten, mehrteiligen Form. Neben, nach wie vor virtuos gearbeitete, meist fugierte Abschnitte traten nun auch rezitativisch-freie, oft schmerzlich dissonante langsamere Sätze. Die Toccata war so zu einer musikalischen Gattung geworden, die motorischer Energiefreisetzung ebenso Raum gab wie bewegender Expressivität.
In der mitreißenden, stets präsenten Interpretation durch den australischen Cembalisten Peter Watchorn sind beide Aspekte dieser frühen, lange zu Unrecht unterschätzten Bach'schen Meisterwerke gleichermaßen gut aufgehoben. Die energetischen Entäußerungen, das bisweilen nahezu schon aggressive Potenzial von Bachs ungestümen, weitschweifend fantasierenden Fugen stellt Watchorn ebenso überzeugend dar wie Zerissenheit, Melancholie und Licht-und-Schatten-Spiel der Rezitativ-Sätze. Die Unbedingtheit seiner Neueinspielung wird dabei noch unterstrichen durch den herrlichen, dunkel-majestätischen Klang des verwandten Cembalos, eines 1999 geschaffenen australischen Instruments, das maßgeblich von Cembali aus Bachs Umkreis inspiriert wurde.
Gesamturteil: für alle Liebhaber des Cembaloklangs eine uneingeschränkt lohnende und hinreißende Aufnahme. Die Bach-Liebhaber hingegen, die eine Interpretation auf dem modernen Flügel bevorzugen, seien auf die ebenfalls faszinierende, insgesamt leisere, introvertiertere Einspielung der Klavier-Toccaten durch Wolfgang Rübsam verwiesen. --Andreas Grabner