Der große alte Herr der historischen Aufführungspraxis hat sich etwa dreißig Jahre nach seiner ersten Aufnahme noch einmal Bachs wohl beliebtesten Chorwerk gewidmet.
Dabei fällt zunächst einmal auf, dass die Aufnahme sehr viel weniger radikal und sperrig geraten ist als die erste Einspielung - hatte der Dirigent einst stark den Charakter des Werkes als Sammlung von 6 einzelnen Kantaten betont, dazu noch auf die Originalbesetzung ausschließlich mit Männern und Knaben zurück gegriffen (mit den dabei unvermeidbaren Konzessionen an den reinen Schönklang), macht die neue Einspielung erheblich mehr Konzessionen an die Aufführungsgeschichte:
Harnoncourt setzt jetzt neben "seinem" Concentus musicus den kompletten Arnold-Schönberg-Chor (und nicht nur die Männerstimmen) sowie für die Alt- und Sopran-Solopartien mit ebenfalls keine Knaben, sondern berühmte Konzert- bzw. Opernsängerinnen ein.
Was bei Harnoncourt im Vergleich zu anderen Vertretern der historischen Aufführungspraxis schon immer auffiel, ist, dass er den Trend zu immer schnelleren Tempi nicht mitmacht. Und so ist diese Aufnahme für Hörer, die Gardiner oder Herreweghe im Ohr haben, ziemlich langsam.
Zusammen mit der etwas halligen Akkustik, die viele Schroffheiten der Interpretation glättet, kommt damit ein fast konventionell festlicher Höreindruck auf - zumal heute ja jeder Kantor einer größeren Kirche sich zumindest im Grundsatz mit der Bach-Forschung der letzten 40 Jahre beschäftigt hat. Am ehesten an die alte Aufnahme erinnert Harnoncourts Eigenart, in den Chorälen die einzelnen Strophen sehr intensiv voneinander abzugrenzen und den musikalischen Fluss abzubremsen.
Was man positiv feststellt, ist - außer der unbestreitbaren Qualität des Chores -, dass die einfache Frömmigkeit der Choräle, die etwa bei Gardiner vor lauter Virtuosität etwas verloren gegangen war, hier wieder zu ihrem Recht kommt.
Die Solisten sind zunächst sehr prominent und auch weitgehend überzeugend besetzt. Werner Güra - der derzeit vielleicht meist beschäftigte Evangelist - ist in den Arien überzeugender als in den erzählenden Passagen, wo er etwas die Unmittelbarkeit und leichte Stimmführung von Kurt Equiluz in der alten Aufnahme vermissen lässt. Christine Schäfers Sopran dürfte etwas leichter anspringen. Bernarda Fink dagegen reiht sich mit ihrer warmen und beweglichen Stimme in die lange Reihe großer Interpretinnen der Altpartie ein. Und mit Christian Gerhaher und Gerald Finley hat die Aufnahmen gleich zwei Baritone mit besonders schönen Stimmen für die Basspartie versammelt.
Der Klang der Aufnahme ist weniger trocken als in der alten Einspielung, sondern etwas hallig, ohne intransparent zu wirken.
Insgesamt also ist dies eine gelungene, festliche, aber keine einzigartige Aufnahme.