Jeder Musiker weiß um die hohen und höchsten Ansprüche Bach'scher Kompositionen. Und darum, daß man für die Interpretation eine Entscheidung fällen muß z.B. zwischen historisierendem oder romantisierendem Spiel, zwischen einer eher motorischen oder lyrischen Wiedergabe, zwischen Betonung der Technik oder der Transzendenz.
Hilary Hahn, die noch immer sehr junge Meistergeigerin, zeigt sich um beides bemüht: Rasanter lassen sich die schnellen Sätze (beispielsweise die Ecksätze des Doppelkonzertes für 2 Violinen) nun wirklich nicht mehr nehmen, aber aus dem Largo ma non troppo (desselben Konzerts) kann man auch schwerlich mehr Himmelsseligkeit herausholen als Hilary Hahn und ihre Partnerin.
Man könnte nun sagen, bei einer solchen Interpretation komme doch schlußendlich jeder Hörer auf seine Kosten, der Bewunderer voranstürmender Virtuosität ebenso wie der Liebhaber schwelgender Melodielinien. Aber dem ist leider nicht so. Und weshalb? Weil Hilary Hahn uns gerade in den raschen Sätzen allzu viel an Musikalität schuldig bleibt.
Ganz deutlich wird das auch bei dem geradezu hastigen, zuweilen etüdenhaft klingenden Spurt durch das herrliche Konzert mit Oboe in c-moll. Wo bleibt hier das feine Dialogisieren der beiden Soloinstrumente, das zarte, kommentierende Umspielen der singenden Oboe durch die Violine?
Es wäre ein Zeugnis hoher Kunstfertigkeit, bei schnellem Tempo (und schnell wäre es noch immer, wenn man einige Metronomziffern hinabgestiegen wäre, was ja bei nur 58 CD-Minuten durchaus möglich war) gewissermaßen die Transzendenz, die über die Technik hinausweisende Schönheit der Musik hindurchscheinen zu lassen. Gerade das ist es, was wir bei den wirklichen Meisterinterpreten bewundern: Technik und Transzendenz in großartiger Verschränkung, ja Einheit.
Hilary Hahn mag das in anderen Interpretationen bereits gelungen sein, bei Bach aber liegt beides noch zu sehr nebeneinander, so daß wir nach einem leuchtenden Adagio, einem schön ausgesungenen Andante wieder in das Triebwerk einer rast- und ruhelosen Maschine versetzt fühlen.
Das ist gewiß schade, läßt aber der Geigenvirtuosin noch weiterhin Raum zur Weiterentwicklung. Die wir ihr denn auch von Herzen wünschen!