Suzuki und sein Chor "können" Bach. Das haben sie bereits mit ihren Einspielungen der Kantaten und oratorischen Großwerke des Thomaskantors unter Beweis gestellt. Für mich ist diese Aufnahme eine neue Referenz, gleichberechtigt neben den famosen Einspielungen von
Cantus Cölln und dem
Stuttgarter Kammerchor. Cantus Cölln erreichen solistisch besetzt vielleicht noch ein höheres Maß an Elastizität und Durchhörbarkeit. Der Stuttgarter Kammerchor unter Frieder Bernius ist an manchen Stellen noch "tiefenschärfer", kommt aber für meinen Geschmack mit einem zu groß besetzten Orchester daher. Im Vergleich zum
RIAS Kammerchor unter René Jacobs, der in seiner eigentlich recht schönen Aufnahme vor lauter Gestaltungswillen gelegentlich überzieht und deshalb nicht völlig überzeugen kann, gehen die Japaner die Sache "konventioneller" an.
Dass es hier deshalb keineswegs langweilig oder nüchtern zugeht, zeigt sich bereits im Kopfsatz von "Singet dem Herrn": Nach dem feierlichen Einstieg drängt die virtuose Fuge energisch voran, mehr Jubel als Tanz.
Glanzlicht der CD ist die ebenfalls doppelchörige Motette "Komm, Jesu, komm". Wie das Ensemble sich in das Stück hineintastet, die beiden Chöre eng verschränkt, ist schlicht atemberaubend gut gemacht. Zärtlich, sehnsuchtsvoll, die schmerzlichen Modulationen auskostend, ohne ins Lautmalerische, Manierierte abzugleiten. Die verhangene Stimmung hält sich auch in den rhythmischen Teilen, bis die Aria - für mich einer der schönsten Bachchoräle überhaupt - den hoffnungsvollen Schlusspunkt setzt.
Hervorragend gelingt auch "Jesu meine Freunde". Die Japaner gehen die Motette wiederum recht energisch an ("Es ist nun nichts"). Aufhorchen lässt die Fuge ("Ihr aber seid nicht fleischlich"), die zunächst mit ruhigen Puls "ohne besondere Vorkommnisse" dahinfließt, bis ein deutliches Ritardando in den Epilog ("Wer aber Christi Geist nicht hat") überleitet. Ihn nehmen die Japaner deutlich verlangsamt, wirklich Adagio. Resultat ist ein Zeitlupen-Effekt, der die herzzerreißende Harmonik betont und diesen Nachsatz zu einem Doppelpunkt vor dem trimphierenden "Weg mit allen Schätzen" macht. Als Beispiel für die schönen Solistenleistungen sei das zärtlich gesungene "Gute Nacht ihr Wesen" genannt.
Ein weiteres Plus der Aufnahme ist, dass sie wirklich alle "Bach-Motetten" enthält: Neben den unbestritten von Bach stammenden Werken finden sich hier auch "Lobet den Herrn" und das schöne "Ich lasse Dich nicht", deren Autorenschaft nach wie vor umstritten ist sowie der Kantatensatz "O Jesu Christ, meins Lebens Licht", von Bach selbst als Motette bezeichnet.
Unter den klein besetzten Choraufnahmen legt Suzuki mit dieser Einspielung die neue Referenz vor, die - schon
aufgrund ihrer Vollständigkeit - wirklich in jeden Plattenschrank gehört.