Als mir ein Freund Morimur vorspielte, war ich zunächst entzückt von der unbeschreiblichen, fast übermenschlichen Reinheit der Gesänge. Das Hilliard Ensemble war mir schon früher aufgefallen im Zusammenhang mit Jan Garbarek (Officium); wie Sphärenmusik mutet ihr Gesang dort an. So auch hier, nur dass man auch von den deutschsprachigen Texten getroffen wird. „Morimur" - wir sterben - um das zu wissen, braucht man kein religiöser Mensch zu sein, es zeigt schon die Erfahrung, dass der Tod uns „in seinem Reich gefangen" hält (so die Worte Martin Luthers in Nr. 6 und 12 der CD). Oder man ist schon durch die Philosophen davon überzeugt, dass das Sein zum Tode ein entscheidendes „Existential" (Heidegger) des Menschen ist. Gleichwohl: Die Erhabenheit der Lied-Vertonungen Bachs und die Reinheit und Schönheit der Interpretation des Hilliard Ensemble führen über allgemeine Menschheitserfahrung und logische Refklexion hinaus und geben der Musik etwas Überirdisches.
Nicht genug, dass in den ersten 20 Sätzen der CD abwechselnd ein Kirchenchoral und ein Satz aus der Partita für Violine solo d-moll BWV 1004 (wunderbar gespielt von Christoph Poppen) den Hörer begeistern kann: Der eigentliche Höhepunkt kommt in Nr. 21, und es traf mich wie ein Donner, als ich begriff: Hier werden die soeben vorgestellten Gesänge mit der Ciaccona aus der d-moll-Partita genial verknüpft, als hätte es immer so sein müssen. Nur angedeutet werden die Choralstrophen, sie treten still zur Ciaccona, die Menschen-Stimmen zur Violine, um bescheiden, fast schüchtern wieder in den Hintergrund zu treten, einem anderen gesungenen Gedanken Raum gebend. Mir wurde fast schwindelig, als die Viertelstunde dieses feinen komplexen Gewebes vorüber war.
Die CD klingt lakonisch aus mit der mehrfach zitierten knappen Beobachtung „den Tod niemand zwingen kunnt", ein Fragment aus der Kantate BWV 4 „Christ lag in Todesbanden" zu Worten eines Osterliedes Martin Luthers. „Den Tod niemand zwingen kunnt" - diese Worte klingen wie ein roter Faden durch die ganze Einspielung immer neu an (Nr. 2, 6, 10, 12, 20 und 22). Eine bedrückende Botschaft? Wohl eher eine realitätsgerechte Voraussetzung der anderen Seite dieser Lyrik: Gottvertrauen, Osterglaube: („der ist wieder erstanden / und hat uns bracht das Leben. / Des wir sollen fröhlich sein ...). Dies dürfte von den Künstlern implizit mitgemeint sein, und der Kehrvers „Den Tod niemand zwingen kunnt" drängt auf seine Ergänzung „außer dem lebenschaffenden Gott".
Das umfangreiche Textheft überrascht durch musiktheoretische Funde von Prof. Helga Thoene, ohne deren Veröffentlichungen der Violinvirtuose Poppen nicht auf den Gedanken dieser Verschränkung von Bachchorälen mit der Ciaccona gekommen wäre. Wie weit man den Analysen zur Zahlensymbolik folgen kann, vermag ich nicht zu beurteilen, aber die These der verborgenen Melodiefragmente in der Ciaccona wird klanglich überzeugend gestaltet. In jedem Falle bereichert die Hintergrundsinformation den Genuss des Hörens.
Nur ein Defizit enthält das Begleitheft: Die gesungenen Worte werden nicht, wie bei Einspielungen von Vokalmusik zu erwarten wäre, abgedruckt.