Um der ewigen Diskussion die Spitze zu brechen: Ob die Chorstimmen in den Vokalwerken Bachs solistisch (wie etwa bei Rifikin und Junghänel) oder mehrfach (wie bei Herreweghe, Gardiner und Fasolis) besetzt werden, ist letztlich eine Glaubensfrage, über die zu entscheiden getrost dem Geschmack der Musikfreunde überlassen werden darf. Keinesfalls ist sie historisch zu begründen, zumal wir durch Bachs Äusserungen bezeugt haben, dass er sich grössere Vokalbesetzungen als in Leipzig üblich gewünscht und diese vom Kirchenrat erfolglos eingefordert hatte. Jedenfalls ist es unfair, unvereinbare Interpretations- und Besetzungskonzepte gegeneinander auszuspielen, um danach willkürliche Rankings zu provozieren. Auf die vorliegende Aufnahme angewandt, ist gerade hier das Argument, dass solistische Chorbesetzungen die lineare Struktur des Satzes besser durchhörbar gestalten lassen als eine Besetzung mit mehreren Ausführenden pro Stimmregister, entkräftet. Der exzellente Coro della Radio Svizzera Italiana Lugano zeichnet sich aus durch hervorragende Transparenz, lupenreine Intonation, gut verständliche Diktion (wenn man einmal von dem in vereinzelten Fällen zu wenig abgespannten Schlusskonsonat "t" absieht, so etwa im Wort "est") und durch eine lebendige, die Glaubensbotschaft ausdeutende Rhetorik. Selbstverständlich sind die Vokalsoli mit exzellenten, sich homogen in das Klangkonzept einfügenden Kräften besetzt. Selbstverständlich spielen die Sonatori della Gioiosa Marca wie gewohnt grandios (lobend hervorzuheben die Gestaltung des Basso continuo, verzeihlich der Intonationspatzer des Cellos zu Beginn des Benedictus). Dass diese Aufnahme im überfüllten Angebot durchaus eine Existenzberechtigung besitzt und manche hoch gelobte und renommierte Aufnahme in den Schatten stellt, verdankt sie zum einen der überragenden Leistung des Chores (man höre etwa das Symbolum Niceum) und zum anderen dem Dirigat von Diego Fasolis, das in allen Belangen aussergewöhnlich ist. Vor allem ist ihm eine Deutung dieses geistlichen Schlüsselwerkes gelungen, die fern ab von wissenschaftlichem Grossgetue und Zur-Schau-Stellen von Forschungsbemühungen und schaler Virtuosität die Spiritualität der Botschaft hervorhebt und das Hören somit zur Andacht werden lässt. Ein grosses Lob verdienen auch die Tontechniker, welche die Klangschönheit der Stimmen und Instrumente in einem akustisch optimalen Raum tadellos abzubilden wussten.