Vier Sterne wären angemessen nach meiner Einschätzung - aber da bis heute 6.1.2013) die einzige Rezension EINEN Stern vergibt, möchte ich ein Gegengewicht schaffen und gebe fünf.
Brüggens Aufnahme gefällt mir gut - vor meiner Rezension eine wichtige Information vorab:
Es ist eine Live-Aufnahme (klangtechnisch aber - siehe unten - nach meiner Ansicht sehr GUT, das Label Glossa ist eigentlich auch für hochwertige Produktionen bekannt).
Zu den Kritikpunkten der Ein-Stern-Rezension (soweit es nicht einfach Geschmacksfragen sind):
die herausgeschnittene Textzeile im Choral "In meines Herzens..." ist mir gar nicht aufgefallen - wenn auch der Choral dadurch seltsam asymmetrisch wird - wenn man es weiß, hört man es auch. Dürfte eigentlich NICHT sein, so etwas!
Michael Chance war einmal ein ganz großer und hat für meine Ohren immer noch eine schöne, weiche Stimme, mit der er Gefühle wunderbar ausdrücken kann. Aber sein "Es ist vollbracht" ist wirklich nicht immer ganz sicher intoniert. Dafür ist es die langsamste, am meisten "atmende" und eine der berührendsten Versionen, die ich je gehört habe - auch zu verdanken dem Tontechniker, der vor - und vor allem NACH der Arie Zeit der Stille lässt - das fehlt so oft selbst in tollen Aufnahmen!
Die übrigen Solisten finde ich zumeist sehr gut: Markus Schäfer erinnert an den jungen Peter Schreier, bleibt aber natürlicher und "ruhiger".
Carolyn Sampson gefällt mir wie immer hervorragend, Peter Kooij ebenso. Thomas Oliemanns Jesus "Leidet" hörbar - er klingt matt, leise, manchmal sogar geqält - aber seine Stimme ist (in meinen Ohren) schön, die Art zu singen eine Interpretation der Rolle - ich habe das noch nie so gehört, doch ich finde es stimmig.
Einzig der Tenor hat eine "gewöhnungsbedürftige" Stimme, die drei Tenor-Arien sind nicht die Höhepunkte der Aufnahme.
Zur Tontechnik: für eine Live-Aufnahme finde ich die Klangqualität sehr gut - kaum Störgeräusche, sehr klare, deutliche Wiedergabe der Stimmen, die Chöre dagegen sind etwas "bedeckt", im Hintergrund. Die Laute hört man ganz dezent in Choerälen und macht das Klangbild etwas farbiger - es ist wohl eine Geschmackssache, ob einem das gefällt (mir) oder nicht.
Die Interpretation Brüggens hat Ruhe, Würde und Dramatik in einer (für mich) sehr stimmigen, berührenden Mischung - vielleicht könnte der Evangelist sich gelegentlich etwas mehr zurücknehmen - aber auch das ist mehr "Geschmackssache" als eine von richtig oder falsch, und die meisten Interpretationen sind eher dramatischer. Die für mich zentrale Szene vom Sterben Jesu ("...die Kriegsknechte aber" bis "neigte sein Haupt und verschied" mit dem zentralen "Es ist vollbracht" ist berührender und trauriger als in fast jeder anderen Aufnahme.
Meine Favoriten bleiben van Veldhoven, Cantus Cölln, Parrott (alte sentimentale Liebe...), vor allem aber Suzuki (mit dem tatsächlich unvergleichlichen Yoshikazu Mera als Alt) - die Brüggen-Aufnahme ist eine willkommene Alternative.
Zum Glück kann jeder selbst entscheiden - und (z.B. bei amazon) vorher probehören.