Murray Perahia's Interpretation von Bachs „Goldbergvariationen" ist derzeit die am häufigsten gehöhrte CD meiner Sammlung - meine Lieblings-CD. Dieses monumentale Werk, das nur von wenigen grossen Klavierspielern in den letzten Jahrzehnten aufgenommen wurde - eine Tatsache, die sehr verwundert,oder streben heutige Pianisten doch nur nach der Technik für Liszt's h-Moll Sonate? - wird für meinen Geschmack von Perahia in mehrfacher Hinsicht in einer ausserordentlich ausgewogenen Weise dargeboten. Ich möchte versuchen dies durch einem Vergleich mit der späten, berühmt gewordenen Aufnahme Glenn Goulds von 1981 näher zu erörtern. Beginnen wir mit der Wahl des Tempos am Beispiel der Aria. Perahia wählt für die Aria, also ein „Gesangsstück mit Instrumentalbegleitung", ein für mich punktgenau adäquates Tempo; Perahia's Tempo liegt zwischen den beiden Glenn Gould - Einspielungen von 1955, in der die Aria mit einer unverständlich hohen Geschwindigkeit vorgetragen wird, was Gould später bestätigte und schliesslich zur Neuaufnahme bewog, und der wohl langsamsten Aria überhaupt in der Aufnahme von 1981, die in der Wiederholung am Schluss des Werkes noch einmal um fast eine Minute, mit höchster Kontemplation, verlangsamt wird. In beiden Aufnahmen wird ein geradezu unübertroffenes, beinahe pedalloses Legatospiel geboten, Perahia vermeidet jedoch überaschende Lautstärkeeffekte, wie beim Übergang von der Aria zur ersten Variation in der späten Gould-Aufnahme. Perahia's Phrasierungen sind ausgeprägt und zeugen von höchster Musikalität, Verzierungen werden zurückhaltend und fließend integriert, Unterschiede im Charakter der einzelnen Variationen weniger stark betont als bei Gould. Insgesamt ist diese Einspielung nach meinem Verständnis als eine innovative Bereicherung und Erweiterung der Interpretation dieses grossartigen Werkes zu sehen und wird sich als neuer Standard etablieren. Und sicherlich ist dieses gelungene Werk auch geprägt vom Einfluß eines unvergleichlichen Lehrers - Perahia, dessen Karriere durch eine Verletzung der Hand fast beendet worden wäre, war ein Schüler des legendären Mieczyslaw Horzowski, der noch mit 90 Jahren konzertierte, und in dessen wundervollem Spiel immer die Musik und nie die Demonstration aberwiztiger Technik im Zentrum des Vortrags stand.