Johann Sebastian Bachs Kirchenkantaten zählen zum Herz seines Schaffens im Bereich der geistlichen Musik. Es gibt praktisch keine Kantate, die als minderwertig einzustufen ist. Besondere Merkmale sind die sinnhafte Untermalung des zu vertonenden Textes sowie die ausgefeilte Instrumentierung. Selbst aus den Kantaten, für deren Komposition er nur wenig Zeit hatte, schuf er wahre Meisterwerke. So nimmt es nicht wunder, dass diese Stücke bis heute zum festen Bestandteil des Konzertlebens gehören.
Die vorliegende CD enthält insgesamt vier Pfingstkantaten. Eingespielt werden sie durch den Monteverdi Choir sowie die English Baroque Soloists unter der Leitung des großartigen John Eliot Gardiner, und zwar im Rahmen der sogenannten Bach Cantata Pilgrimage. Die Aufzeichnung fand 1999 in der Kirche St. John's in London statt. Die Aufnahmequalität ist ausgezeichnet.
Wie zu erwarten, so zeichnen sich die Pfingstkantaten dadurch aus, dass sie die Ankunft des Heiligen Geistes inbrünstig und kräftig zelebrieren. Die Kantate "Erschallet, ihr Lieder" BWV 172, die hier als erste dargeboten wird, ist ein herausragendes Beispiel hierfür. Bach setzt vermehrt Pauken und Blechbläser ein, die die Freude der Gläubigen unterstreicht. Von besonderer Schönheit ist das Duett zwischen Sopran und Kontertenor, das die Wechselbeziehung zwischen Christ und Erlöser darstellt.
Die Kantate "Wer mich liebet, der wird mein Wort halten" BWV 59 wird durch die Orchesterleistung zu einem wahren Hochgenuss. Das Musizieren auf historischen Instrumenten und im kleinen, authentischen Ensemble sorgt dafür, dass die Interpretation atmet und lebt. Der helle, lautere Klang gepaart mit den dynamischen Nuancierungen sowie den farbigen Akzenten macht die Darbietung spannend und mitreißend. Vollkommene Transparenz, flotte Tempi und balancierte Differenziertheit übermitteln den christlichen Fanatismus zur Pfingstzeit.
Bach schrieb noch eine weitere Kantate BWV 74 selben Titels, die allerdings mit BWV 59 nur sehr wenig gemein hat. Auffällig sind hier die gelungene Ausgewogenheit und die geschmackvolle, dezente Instrumentierung der Arien und Rezitative. Es ist ein brillantes Beispiel für das Gespür des Thomaskantors für die effektvolle Umsetzung des geistigen Materials, wenn er kammermusikalische Intimität und Schlichtheit an majestätischen Orchesterjubel reiht.
BWV 34 mit dem Titel "O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe" stellt die gesangliche Leistung des Monteverdi Choirs eindrucksvoll unter Beweis. Dass heutzutage mit noch kleineren Chören musiziert wird, tut dem Musikgenuss keinen Abbruch. Auch die verschiedenen Solisten - als Sopranistinnen Martina Jankova sowie Magdalena Kozená, als Altistin Bernarda Fink, als Kontertenor Robin Blaze, als Tenöre Steve Davislim sowie Christoph Genz und als Bassisten Christopher Forster, Reinhard Hagen sowie Peter Harvey - intonieren glasklar und durchweg einwandfrei verständlich. Zudem erfüllen sie ihre Parte mit Leben und legen umfangreich Zeugnis darüber ab, dass sie sich vorab intensiv mit der vorzutragenden Materie befasst haben.
Fazit: Ein weiteres exzellentes Recital von unvergänglichen, zeitlosen Bachkantaten - Gardiner als Altmeister seines Faches!