Der international gefeierte Konzertpianist Mikhail Pletnev hat mit seiner neu vorliegenden CD-Einspielung der "Sonaten und Rondos" für Klavier von C.Ph.E.Bach (Deutsche Grammophon)nicht allein den lobenswerten "Versuch" gewagt, die, leider allzu selten gespielten Klavierwerke des großen, alten Meisters sinngemäß auf eine wahre Art und in richtiger, d.h. empfindungsqualitativer Manier aufzunehmen, darüber hinaus gelang es ihm all jene musikalischen Affekte, welche dieser ungemein cantablen und zarten Claviermusik innewohnen, - man höre und staune - auf einem heutigen, neuzeitlichen Steinway-Konzertflügel auf generöse Weise, musikalisch nahezu bruchlos umzusetzen, ja selbst unter Beibehaltung stilauthentischer Ansprüche, trotz gleichzeitigem Einsatz moderner pianistischer Mittel.
Unter heutigen "Kennern" und "Liebhabern", welche im allgemeinen C.Ph.E.Bachs Claviermusik aus historisch, aufführungspraktischen Gründen lieber auf einem Clavichord zu hören gewohnt sind, dürfte es wohl einiges Erstaunen auslösen, wie zutreffend und authentisch das dem Booklet Cover entnommene Zitat von Bach als künstlerisches Motto dieser herausragenden Aufnahme zugrunde gelegen hat:
"Mich deucht, die Musik müsse vornehmlich das Herz rühren (!), und dahin bringt es ein Clavierspieler nie durch blosses Poltern, Trommeln und Harpeggieren, wenigstens bey mir nicht."
Wie ein Pianoforte-Seismograph präsentiert Mikail Pletnev die dynamischen Extreme und dramatischen Affekte dieser noch heute so vernachlässigten Klaviermusik und wie schon erwähnt mit Zuhilfenahme subtiler, pianistischer Mittel der dynamischen Abstufung. Von einem "Piano(leise)-Spiel wie in Watte gepackt", wie dies im Normalfall auf dem heutigen Konzertflügel bedauerlicherweise üblich geworden ist, oder die dem Steinwayflügel fälschlicherweise angelastete "Kühle im Ton" vonseiten der"Alte-Musik"-Fetischisten, welche dem modernen Konzertpianisten jegliches Verständnis von alter Musik von vorherein abzusprechen gewillt sind und sowieso hinter allem ein virtuoses, schnelles Blendwerk und ein nervendes Figuralgeperle zu erkennen glauben, kann, ja darf zumindest in dieser vorliegenden Neueinspielunmg nicht die Rede sein.
Des Empfindsame dieser Musik wird in dieser Aufnahme von Pletnev einzigartig hervorgebracht, ganz zu schweigen von der spürbaren Wärme eines "singenden Tones", der Tongebung eines Mikail Pletnevs, wie man ihn schon von seiner früh aufgenommen Tschaikowyski Einspielungen her kannte.
Mit einigen Ungereimtheiten hat wohl jeder Pianist zu kämpfen. Bei Pletnev tauchen sie relativ selten in Form von zu überreizt artikulierten Staccatopassagen in der G-moll Sonate, das piano wirkt hin und wieder leicht verhaltend, ja substanzlos.
Es ist womöglich kein leichtes den charakteristischen Ton dieser bezaubernden Musik belcantomäßig zu treffen, manchmal klingt alles zu sehr wie Haydn oder Scarlatti. Die Sonate in fis-moll spielt Pletnev dagegen unvorstellbar packend und das ausklingende Andante con Tenerezza zeigt durch Pletnevs eindrucksvolle Deklamation von welcher Natur nicht nur dieser Klavierspieler beschaffen zu sein scheint, sondern wie außerordentlich wertvoll C.Ph.E.Bachs Sonaten und Rondos für Klavier sich innerhalb der gesamten Gattung der Klaviermusik ausnimmt.