- Gebundene Ausgabe: 64 Seiten
- Verlag: Haymon Verlag; Auflage: 1 (1997)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3852182336
- ISBN-13: 978-3852182339
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 4.090.971 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Zwei Erzählungen von Sibylle Mulot
Bahnfahrer kennen das: Platz nehmen, sich auf eine mehrstündige Reise einstellen und plötzlich kommt man mit einem wildfremden Menschen ins Gespräch. Orte und Landschaften gleiten vorüber, und was in anderer Umgebung kaum denkbar wäre, tritt ein: ein reger Austausch intimer Gedanken, ein ungehemmtes Ausbreiten von Lebensepisoden. Dann gelangt der Zug an sein Ziel, und die, die ihr Innerstes gerade noch nach aussen kehrten, verlieren sich im Bahnhofsgetümmel aus den Augen, auf Nimmerwiedersehen.
Sibylle Mulot, die aus dem Schwäbischen stammende und in Frankreich lebende Autorin, berichtet von einer solchen Begebenheit, in einfachem, szenisch bestimmtem Ton, der sich um die vermeintlichen Notwendigkeiten (post)mo derner Techniken nicht im geringsten kümmert. LindauParis, auf dieser Strecke kommt die Ich-Erzählerin mit der Industriellengattin Edit zusammen. Eigentümliche Schmuggelware, eine Tasche voller Marzipan, bringt die beiden einander näher, und nach anfänglichem Zögern beginnt Edit, die in jungen Jahren Ballettänzerin war, von ihrem grossen Schmerz zu erzählen: von der abgerissenen Verbindung zu ihrem Sohn Lucien.
«Das Horoskop» ist die Geschichte einer Begegnung, eines Aufeinandertreffens unterschiedlicher Auffassungen und Überzeugungen. Mit wenigen Strichen gelingt es Sibylle Mulot, ein Konglomerat von Ängsten und Träumen anzudeuten. Was verstehe ich vom anderen? Wie kommen divergierende Erfahrungen zusammen? Was verbindet das Gestern mit dem Heute? Das sind die Leitfragen der Mulotschen Prosa, Fragen, die weder krampfhaft nach Originalität suchen noch an der Erzählbarkeit der Welt zweifeln und die sich dennoch nicht vorschnell literarisch simplen Formen hingeben.
Auch die Erzählung «Baby Eurydike», gleichzeitig erschienen, schlägt einen verwandten Weg ein. Ein achtzehnjähriges Mädchen soll Haus und Katzen von Verwandten hüten; nach wenigen Tagen verschwindet es, eine besorgte Nachbarin macht sich auf die Spur und ergründet anhand von Briefentwürfen, was das Mädchen umtrieb. Ein «unerwarteter Blick in ein fremdes Gehirn» wird gewagt, eine fremde Psyche erschliesst sich für wenige Tage. Als Eurydike wieder auftaucht, gilt es, das Erfahrene mit der Realität in Einklang zu bringen: «Jetzt sass ich da und musste alles über Henrike wieder vergessen. Oder schwieriger, ich musste sortieren, was ich wissen durfte und was nicht.»
Beide Texte entfalten ihren stärksten Reiz, wenn sie ihrer austarierten Schlichtheit vertrauen. Sibylle Mulot reiht kleine Beobachtungen treffsicher aneinander, zeigt Menschen in ihrem Sprechen und verzichtet weitgehend darauf, Ereignisse als moralische Belehrungsmotive einzusetzen. Mitunter freilich halten die beiden Erzählerinnen die Zeit für gekommen, reflektierend auszuholen und prompt pilchert und simmelt es kräftig: «Plötzlich erschien mir alles so flüchtig. So vergeblich. Das ganze Miteinander-Reden, -Leben, -Argumentieren, Tag für Tag.» Und dass «der Himmel leer» und die «Zeit der Orakel angebrochen» ist, will man nicht ex cathedra erläutert bekommen; davon soll Prosa erzählen, das soll sie uns wenn schon gefälligst zeigen.
Hier (wie in den leicht überpointierten Textschlüssen) macht es sich Sibylle Mulot zu einfach. Ihre Fähigkeit, psychische Verschiebungen freizulegen, bedarf dieser Worthülsen nicht. Denn was einigen als blosse Unterhaltungskonfektionsware erscheinen mag, ist mehr: ein sich unscheinbar gebendes Erzählen, das den Alltag der Menschen tiefer auslotet als viele grossangelegte Romankonstrukte, die sich von einer Metaebene zur nächsten hangeln. «Das Horoskop» weiss etwas über Schicksal und Schicksalsgläubigkeit, «Baby Eurydike» über Mutmassungen und Fehlschlüsse. Da hört man als Leser gerne zu, an manchen Abenden zumindest, und freut sich letztlich still und heimlich auf Sibylle Mulots nächsten Roman.
Rainer Moritz
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