Wir schreiben das Jahr 1969. Apollo 11 landet auf dem Mond. Der Protagonist des Romans Babels Berg" Gustav Horbel befindet sich in einem Studentenwohnheim der Hauptstadt der DDR und bereitet seine legendären Schmalzbrote zu. Es wird Doppelkopf mit den Kommilitonen gespielt. Ungefähr zur selben Zeit saß ich im sogenannten Interzonenzug", der mich nach Berlin (West) bringen sollte. Der Zug war gut besetzt, mit älteren Reisenden hauptsächlich, die auf Westbesuch gewesen waren. In einem Ort namens Probstzella verließen gut drei Viertel der Reisenden den Zug, schweigend und ohne einen Blick zurückzuwerfen, und ich war von einem ebenso rätselhaften wie niederschmetternden Gefühl durchdrungen, versagt zu haben.
Danach wurden die Türen des Zuges verriegelt, kein Halt mehr bis West-Berlin. Die Bundesbürger hockten eingesperrt in ihrer Freiheit herum und wurden durch die DDR regelrecht hindurchgeschossen. Auffällig, dass der Zug immer dann an Fahrt aufnahm, wenn er durch Bahnhöfe fuhr, gerade so, als sollte den Westbürgern jeder noch so kurze Blick auf an Bahnsteigen wartende Ostbürger verunmöglicht werden - ein absurder Vorgang.
Was hat das nun mit dem Roman von Immo Sennewald zu tun?
Nun, ich wurde beim Hineinlesen daran erinnert. Und dann, mit fortschreitender Lektüre, wurde klar, dass der Autor den Zug angehalten hatte, um dem Westbürger einen langen Blick mitten in den fremden Staat hinein zu ermöglichen, in das Alltagsleben derer, die man - staatlich verordnet - unsere "Brüder und Schwestern im Osten" nannte, lesend zwar nur, aber so dicht und so nah beschrieben, dass ich Gustav Horbels Schmalzbrote auf der Zunge zu schmecken glaubte.
Es ist, das sei vorweggenommen, ein grandioser Roman, geschrieben mit einer Fabulierfreude, die ihresgleichen sucht, wortreich und wortgewaltig, erinnernd an große Entwicklungs- und Schelmenromane - eine selten gewordene Tradition, die Sennewald wieder zum Aufblühen bringt.
Ist dies ein DDR-Roman? Eine Frage, die der Autor gewiss oft gestellt bekommt. Und wenn man sie bejahen würde, dächte man sofort an Vergleichbares (etwa Tellkamp & Co), dächte an Staatssicherheit, Überwachung, Bespitzelung usw., aber so direkt kommt Sennewald nicht daher. Weitaus hinter- und tiefgründiger entblättert und entlarvt er diesen Staat anhand des dargestellten Personals, anhand auch von wunderbaren Metaphern, wobei eine gleich zu Beginn besonders ins Auge sticht: Die drehenden Teller und rollenden Münzen, die man als Abbild eines Systems verstehen kann, das sich nur um sich selber dreht (und ausgerechnet von einer Russischlehrerin in eine aberwitzig langdauernde Rotation versetzt). Immer schneller und immer lauter drehen die Teller, um am Ende, "Dschong-dschong-dschong-ong-ong-gengengeng" abrupt liegenzubleiben. Welchen Rang diese Metapher einnimmt, lässt sich alleine daran erkennen, dass den Tellerdrehern, die die Nachtruhe (sic!) stören, der Rauswurf aus dem Studentenheim droht, gar die Exmatrikulation.
Es ist ein komplexer Roman, dem man unmöglich mit nur wenigen Worten gerecht werden kann.
Sennewald stellt nicht nur dar, er entblößt ein ganzes System, das alles planbar machen möchte, vom Wetter bis hin zu den Goldmedaillen, die im Jahr der olympischen Spiele in München 1972 den Klassenfeind demütigen sollen. Es werden uns Sportfunktionäre und Wissenschaftler vorgeführt, die verbissen am Rekord aller Rekorde herumtüfteln, schließlich eine Diskusscheibe präsentieren, die, von nämlicher Russischlehrerin geworfen, gar bis in den Westteil Berlins segelt, dort am Kopf eines Theaterkritikers landet, der gerade mit einem Strichjungen zugange ist. Was für eine Satire, was für eine weitere großartige Metapher, die Sennewald überdies dazu benutzt, um erzählend die Geschichte in den Westen zu treiben, denn natürlich muss dort nun untersucht werden, welche Botschaft in der Scheibe verborgen sein könnte.
Viel Personal, viele Geschichten. Und im Zentrum eben Gustav Horbel, der Physikstudent aus der Provinz, der in Ostberlin den Westen als unerreichbar nah empfindet und in seiner Heimatstadt, von der aus er bis in die Rhön sehen kann, als unerreichbar fern. Gustav lebt und liebt und lernt im Leben und Lieben mehr als in den Hörsälen, er leistet sich das Vergnügen, so ein eigenes Leben zu führen, wo seine Kommilitonen sich ausliefern oder ausgeliefert werden an das System, es scheint, als habe sich Gustav Horbel auf die Fahnen geschrieben, ein Vergnügen nie auf morgen zu verschieben, wenn man es heute schon haben kann. Er ist, in einem übertragenen Sinn der "abenteuerliche Simplicissimus" des 20. Jahrhunderts, Version Ost.
Womit ich als Leser wieder am Anfang wäre: der Zug, den Immo Sennewald angehalten und die Weichen anders gestellt hat, in das Land hinein und eben nicht hindurch. Und wenn dies ein DDR-Roman ist, der in/ von/ und über sie handelt, dann ist es einer, der Vereinigung möglich macht, ja, man könnte sagen, es ist ein Vereinigungsroman, ein grenzüberschreitender oder die noch vorhandenen Grenzen überwindender Roman, besser gesagt, indem der Leser mit reiner Westbiografie diese nun vergleichend und begreifend an die Geschichte Gustav Horbels anlehnen kann. Mithin also ein Roman über "Das Leben der Anderen", wie er bis dato noch nicht geschrieben worden ist. Und daher jedem zur Lektüre ans Herz gelegt sei. Unbedingt!