Es ist keine leichte Kost, die die Kroatin ihren Lesern in "Baba Jaga legt ein Ei" präsentiert. Es geht ans Eingemachte, an die Nieren, denn sie schildert eine harte Realität, vor der die Jungen und Schönen so gern die Augen verschließen. Was aber hat dieser szenische Bericht mit Baba Jaga zu tun? Das bleibt zunächst ungewiss. Nach neunzig Seiten beendet Dubravka Ugresic dann ihren Bericht, der zweite Teil des Buches beginnt. Es handelt sich um keine ebenso bissig wie realistisch verfasste literarische Reportage mehr, sondern um eine Novelle in sechs Akten. Ein abrupter Wechsel, will dem Leser scheinen, der plötzlich an den Erlebnissen dreier ältlicher, seltsamer Frauen an sechs aufeinander folgenden Tagen teilnimmt. Das einzige, durch das die Erzählung mit dem vorhergehenden Teil des Buches verknüpft zu sein scheint, ist das Thema "Alter", das auch hier eines der Leitmotive ist - neben Schönheitswahn, Körperkult und der traditionellen Rolle der Geschlechter. Das ganze verpackt die Autorin in eine etwas abstrakte Geschichte mit einigen wenigen phantastischen Elementen. Da wird ausgerechnet beim Golfspielen jemand versehentlich totgeschlagen, ein Kurbad besucht, beim Glücksspiel gewonnen - und gestorben. Auch hier spielt die Baba Jaga scheinbar keine Rolle, allenfalls ihre Sinnbilder - das, wofür sie steht - sind thematisch verändert in die Handlung eingeflochten.
Das jedenfalls erfährt man im dritten Teil des Buches, der "Baba Jaga für Anfänger" betitelt ist, etwas über hundert Seiten lang ist und sich dann auch endlich ausführlich mit der berüchtigten Mythengestalt befasst. Erst hier präsentiert Ugresic eine Abhandlung über die verschiedenen Motive, für die Baba Jaga steht, über die Attribute der Alten und ihre Bedeutung - und ihre gesellschaftskulturellen Wurzeln. Diesen Sachtext kleidet sie dann noch in die fiktive Arbeit einer gleichsam fiktiven Dozentin namens Dr. Aba Bagay - ein Anagramm der Baba Jaga. Dadurch gelingt es ihr, durch kleine Einschübe im Text Bezug zu den ersten beiden Teilen des Buches herzustellen. Dubravka Ugresic kommentiert und interpretiert, ja erklärt und analysiert ihren eigenen Text - und liefert endlich eine sehr interessante, durch zahlreiche Märchenzitate gespickte Analyse der Baba Jaga. Wofür steht ihr Häuschen auf dem Hühnerbein, wofür der Mörser? Was versteckt sich sinnbildlich hinter Baba Jagas Kannibalismus? Was ist dieser Mythos - und wozu hat die Gesellschaft ihn gemacht?
Baba Jaga wird zum Sinnbild der alten Frau. Denn das ist das eigentliche Leitmotiv von Dubravka Ugresics neuem Buch. Punktabzug gibt's dann doch dafür, dass der Verlagstext so trügt, andere Erwartungen hervorruft. Schlussendlich erwartet den Leser aber dennoch ein sehr scharfsinniges, bitterböses Werk: ein Hybrid aus Sachbuch und Belletristik. Das ist zwar nicht leicht zu lesen, wo es so hart und stringent mit unserer heutigen Gesellschaft ins Gericht geht, aber dennoch sehr intensiv.