Tornatores erzählte Erinnerung lassen auch mich in Zeiten meiner Kindheit und Jugend gleiten, da am Kopfende unserer Straße ein großes Haus stand, das gefühlte 1000 Italiener (Sizilianer) beherbergte. So wie er seinen Blick in die Welt des Gestern wirft, so sehnsüchtig blicke ich darauf zurück, als ich mit Neugier und meist verstohlenen Blickes von der Gasse durch die Kellerfenster in die kleinen hergerichteten Zimmer blickte. All die kleinen Geschichten, die sich abspielten, die flüchtigen Freundschaften, die damals fremden und oft fürchteinflößenden, impulsiven Gesten der Südländer, die melodisch laute Sprache, die Gerüche aus den dicken Kochtöpfen, uvm.. All dies ruft bekannte Eindrücke in mir hervor, die ich durch Tornatores Filme mit meiner Kindheit in Verbindung bringe.
Bemängeln könnte man am Film, das Tornatore sich allzu oft etwas hastig durch die Erzählebenen und die davonlaufenden Jahre schlängelt, dabei aber wiederum die kurzgehaltenen Übergänge des Alterns schön gelöst sind. Der Film gerät deshalb manchmal durch diese "Eile", gegenüber der typisch traumhaften Trägheit von Meister Morricones Musikscore leicht aus dem Tritt. Hingegen die gezeigte Story das erwähnte Manko (?) dahingehend ausgleicht, dass die Breite von Tornatores Bildern, mit ihren satten Beigetönen, eindrucksvoll, ... einzigartig eingefangen werden.
Wimmelt es und wuselt es vor dem Auge des Zuschauers an allerlei detaillierten Gegenständen, herrlichen Motiven und einfältigen, gestenreichen Protagonisten, mit südländischen Gesichtern, die Erlebtes erlebten. So wie es auch schon in CINEMA PARADISO und DER ZAUBER VON MALENA der Fall war, nur eben hier alles noch größer, noch aufwendiger! Die Art der Ausstattung und das ameisenhafte Treiben der oft bildübertriebenen Massen erinnert an den großen Leone, an das Kino Italiens der 60er.
Tornatores gefilmte Figuren, allesamt von geschlagener Einfachheit und listiger Bauernskurrilität eingefangen, bleiben -wie so oft bei ihm- immer liebenswert. Bosheit, die Verschlagenheit von Menschen, sind immer nur Masken hinter verletzten, nach Liebe suchenden Seelen. Hinterlassen sie bei ihrem meist entrüsteten, burlesken Tuen diese einzigartige schroffe (mediterrane) Leichtigkeit in ihren Charakteren. So bleibt also in den stillen, melancholischen, in den traurigen Momenten des Films, immer dieses kleine, mitfühlende Lächeln in der Seele des Betrachters. Da ist der Italiener Tornatore bärenstark, ist ein ganz GROßER!
Eigentlich ist der Film BAARIA (Bargheria) ein nebulöses "Sittengemälde einer Deckade", als es die eigentlich erzählte Geschichte des Ziegenhirten und Kommunisten Peppino tut. Somit eine Zusammenfassung, eine abschließende Krönung zu der (ich 'nen es mal) Trilogie CINEMA PARADISO, DER ZAUBER VON MALENA und -der etwas schwächere- DER MANN, DER DIE STERNE MACHTE (also in etwa so wie Sergio Leones Dollar-Trilogie und dem danach folgenden SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD; der wiederum eine Trilogie auslöste ("Todesmelodie", "Es war einmal in Amerika")).
Fazit:
Für ein Familienepos, also die Fülle an kleinen und großen Gegebenheiten, reichen die 2 1/2 Stunden nicht aus, wirken hier und da überstürzt erzählt (vielleicht gönnt uns Tornatore ja mal eine Laaaaangsfassung) und die eigentlich erzählte Geschichte, um Peppinos Familie, ist da mehr Schmuckwerk für die Anhäufung von Erinnerungen und köstlichen Anekdoten dieses Filmschaffenden Durch-und-durch-Regisseurs.
Kaum ein anderer Europäer kann soviel Wärme, Atmosphäre und wundervolle Begebenheiten an alltäglicher Menschlichkeiten würdevoller auf Celluloid bannen, wie er, Tornatore! Und das ist und bleibt auch noch in Jahren, mit dieser unverschämten komödiantischen Leichtigkeit, immer sehenswert!
Baaria, eine verklärte Hommage an ein einzigartiges Volk!