"Der Beamte neigt zu Widerspruch...."
(aus einer Beurteilung)
Der damals 52jährige Autor Dieter Schenk schied aus eigenem Wunsch im Jahre 1989 wegen unüberbrückbarer Gegensätze, insbesondere der Ignoranz des BKA gegenüber Menschenrechtsverletzungen in Folterregimen, aus dem aktiven Dienst als Kriminaldirektor aus. Bereits die Jahre zuvor hatte er das Schreiben als eine Möglichkeit zur Verarbeitung von Konflikten in und mit seinem Beruf genutzt. Als nunmehr freier Publizist veröffentlichte Schenk 1990 sein "BKA. Die Reise nach Beirut", die er als "politischen Tatsachenroman" kryptiert....
....zusammen mit Friedrich Huber, dem Leiter der Terrorismusabteilung beim BKA, gerät Schenks Romanheld und "Alter Ego" Kriminalhauptkommissar Michael Gehrich im Jahre 1989 in die Gewalt einer extremitischen Splittergruppe, die beide neun Monate als Geiseln in Beirut festhält.
Während seiner Gefangenschaft erinnert sich Gehrich an seine zahlreichen Reisen in lateinamerikanische, afrikanische und asiatische Staaten, ebi denen er auf politische Zustände traf, mit denen er sich nicht länger arrangieren kann und will. Unter dem Vorwand, den Demokratisierungsprozess zu fördern werden Millionen in den Aufbau von Polizeiapparaten investiert. Tatsächlich wird dadurch jedoch nur der Polizeiapparat von Diktaturen gestärkt, Militär und Todesschwadrone unterstützt. Nach den Erfahrungen des Protagonisten ist das Bundeskriminalamt an dieser Art von Entwicklungshilfe weltweit beteiligt.
Auch die Kritik feindliche Atmosphäre innerhalb der Behörde lässt gehrich nocheinmal gedenklich passieren. In diesem Klima führt ein alles überragendes Karrieredenken zu einer Anpassung, die schließlich eine vollständigen Verbiegung der Persönlichkeit nach sich zieht. Sozialer Druck und Gruppendynamik erzeugen Law-and-Order-Denken und Kameraderie.
Als besonders schlimm erachtet der Titelheld "eine Bildheit auf dem rechten Auge" (die der Autor später in "
Die braunen Wurzeln des BKA: Dokumentationen" und der Biographie "
Der Chef. Horst Herold und das BKA." aufgreifen wird.)
Der spannende Roman bietet jedoch nicht nur eine Vielzahl politischer und historischer Hintergründe der ausgehenden 1980er Jahre, sondern zeichnet mit Gehrich und Huber zwei hochdifferenzierte Charaktere, die sich während ihrer Geiselhaft menschlich näher kommen. Gehrich wird mit allen seinen Emotionen,
Wut, Angst, Eifersucht, Hoffung und Verzweiflung pp. zu einer lebendigen Person.
Als Leser hat man mitunter nicht nur Sympathien und Mitgefühl, sondern man meint mitten im Geschen dabei zu sein. Die Diskussionen zwischen Abteilungsleiter und Sachbearbeiter sind mitreißend, das Verhältnis zu ihren Bewachern manchmal angespannt, manchmal gar freundschaftlich. Die in der Gefangenschaft gefundene Sympathie, Nähe und Solidarität der beiden Hauptpersonen, ist verschwindet jedoch sofort nach deren Freilassung in der Deutschen Botschaft von Damaskus, als der Abteilungsleiter in den wieder in den Vordergrund tritt....
Mit "BKA. Die Reise nach Beirut" ist Dieter Schenk, der 2003 von der Humanistischen Union mit dem "Fritz-Bauer-Preis" ausgezeichnet werden sollte, nicht nur ein spannend zu lesender Roman, sondern auch eine kritische und und zum Nachdenken anregende, politische-zeitgeschichtliche Analyse gelungen, die mit 5 Amazonsternen zu bewerten ist.