DVD-Boom und Klassik-Fernsehen scheinen Umsätze zu versprechen, so kommen fast zeitgleich zwei Beethoven-Zyklen mit vielen Partner letztlich von der Unitel produziert heraus - Leo Kirch ist also zurück? Egal, den Klassikfreund muss es freuen und ewig wird es - wie bei der CD - sicher auch nicht währen. So treten also Thielemann und Paavo Järvi medial in die Fußstapfen Karajans und Bernsteins. Und sie werden geschickt als Zusammenfassung und Höhepunkt zweier Interpretationsströme der letzten Jahre vermarktet. Neben der Polarität "historisch informierte Spielweise" gegen philharmonischen Konservativismus werden gleich mehrere Klischees bedient: Hier der freundliche, leger gekleidete Kosmopolit Järvi mit einem demokratischen, sich selbst verwaltenden Kammerensemble - dort der stets umstittene, konservative Thielemann mit einem Opernorchester, dass selbst den mächtigen Intendanten Hollender mit seinen Absenzen zur Verzweiflung trieb und als Wiener Philharmoniker weitgehend frauenfrei sich noch ein wenig dazuverdient. Eine Riesenorchesterbesetzung gegen Kammermusik - fett gegen schlank, eigentlich braucht man gar keine Stunden mit den DVDs verbringen, die Rezensionenen werden manchen Profi schon so in die Feder fliessen.
Aber so leicht machen es uns weder Järvi noch Thielemann. Beide liefern die Beethoven-Sinfonien auf allerhöchsten Niveau, aber ohne die allerletzte Radikalität etwa eines Norrington oder auf der anderen Seite des immer noch hoch aktuellen Günter Wands oder Gielens. Denn Järvi ist auch Romantiker, siehe seinen Bruckner, und an Thielemann sind die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis nicht spurlos vorüber gegangen. Was passiert also nun auf den DVDs? Lohnen sie den Kauf?
Der goldene Musikvereinssaal nimmt einen schon gefangen, Neujahrskonzertgefühle, bürgerliche Pracht, dagegen wirkt die Atmosphäre der Bonner Beethovenhalle schon fast gespenstisch oder will sie sich ein wenig beim Popmusikpublikum anbiedern - die Beethoven deswegen doch auch nicht hören? Die schnellen Schnitte bei Järvi stören mich fast weniger als diese seltsame Atmosphäre. Die Bildführung in Wien ist halt so ein Standard der Unitel der letzten Jahre, immer drauf auf den jeweiligen Solisten und wenn in der Höhe ein Vater wohnen muss, gehts halt an die Decke. Beide Dirigenten haben ihren eigenwilligen Stil gut gepflegt, die Orchester wissen Bescheid, wie zu spielen ist. Wenn was besonders geglückt ist, strahlen oder grinsen beide und demonstrieren ein inniges Verhältnis. Für mich hätte man beide Produktionen auch auf CD herausbringen können (Järvi gibt es ja schon auf CD). Die musikalische Seite lohnt aber allemal, und gerade wenn man jemanden die Sinfonien nahebringen will, vielleicht auch Kindern, dann wirkt die DVD doch unmittelbarer, sind wir doch inzwischen alle stark visuell geprägt.
Beide Zyklen sind mit ausführlichen Bonusmaterial ergänzt: Järvi und einzelne Instrumentalisten werden porträtiert und dabei die einzelnen Sinfonien geschickt vorgestellt. Auch die Gespräche zwischen dem Kritikerpapst Kaiser und einem lockeren Thielemann haben ihren Reiz, insb. die eingestreuten Interpretationsvergleiche mit Karajan, Bernstein oder sogar Järvi. Der Fachmann wird bei beiden Dokus natürlich keine neuen, tiefen Erkenntnisse mitnehmen. Trotzdem - beide unterschiedliche Arten führen interressant und ohne Anbiederung an das Popmusikpublikum in die Werke ein, eignen sich gerade dadurch auch für ein junges Publikum.
Das Entscheidende bleibt natürlich die Musik:
Järvi und die Bremer gehen in der 1. Sinfonie sofort in die vollen, kitzeln alles heraus, was an bläserischer und Pauker-Attacke möglich ist, was man nun aber auch schon oft gehört hat. Thielemann überrascht hier mit fast "mozartischer" Leichtigkeit, da ist garnichts schroff, keine Paukenbomben und Schmettertrompeten, ein klares Zeichen. Aber man ist schon ein wenig bange, so kann das nicht weiter gehen, das wäre doch zu harmlos, selbst für den konservativsten Zartklassikhörer. Und hier zeigt sich für mich dann der wirkliche Unterschied zwischen diesen bewusst unterschiedlichen Ansätzen: Bei Thielemann beginnt hier eine Reise durch den vielleicht doch bedeutendsten Synfonienzyklus, jede Sinfonie wird anders beleuchtet, gesteigert. Järvi und sein hochvirtuoses Kammerorchester sind schon am Ziel, wilder als in der Ersten wird es nicht, es bleibt immer gleich. Und wollte Beethoven denn wirklich neun Kammermusikstücke schreiben? Er wählte ja im Gegensatz zu seinen Streichquartetten und manchen Sonaten eine bewusst einfachere Form, um eine großes Publikum anzusprechen.
Mit der 2. Sinfonie erreicht Thielemann nicht nur in der Orchesterbesetzung größere Massivität. Die Wiener spielen aber für mich - entgegen der oft beschriebenen "Steifheit" - doch flexibel, dieser riesiger Streicherkörper ist in meinen Ohren doch äußerst agil, manchmal richtig lustvoll. Beethovens Stolz, aber noch auf der Basis Haydns, kommt schön zum Tragen. Järvi "fetzt" mehr, bleibt aber im langsamen Satz blass.
Dann kommt mit der Dritten ja ein unbestritten musikgeschichtlicher Durchbruch, den Thielemann nun wirklich zelebriert. Mit immer neuen und für mich einfach einleuchtenden Tempomodifikationen schafft er wirklich eine eigene Interpretation der Eroica, die auch mal Ruhe, Atemholen und letztlich das gemäße, nie übertriebene Pathos wagt. Järvis dreiviertelstündiges Stakkatogewitter ist sicher erstmal effektvoller, aber die Größe dieser Symphonie kann und will dieser Ansatz nicht zeigen. Thielemann meidet im 1.Satz spektakuläre Übertreibungen, gibt der Lyrik immer wieder Gewicht, ein musischer Held, kein Bonaparte. Um so mehr kann man ihn betrauern, mit Tönen, die schon hin zu Wagner bzw. des Dirigenten Affinität zu Wagner zeigen. Die beiden Fugati in der Mitte des Trauermarschs sind von monumentaler Wucht und in der Reprise muss sich der Wiener Pauker nicht hinter seinem Bremer Kollegen verstecken. Eine ganz andere Welt dann wieder das spritzige Scherzo mit kraftvollen Jagdhornintermezzo. Auch hier will Järvi für mich zu viel, verändert die rhythische Gestalt dieses doch nicht so bedeutungsvollen Jagdintermezzos. Und im abschließenden Varationssatz geht Thielemann endgültig in die Vollen, Böhmens Hain und Flur ist ja nicht weit hinter Wien, während Järvi den Orchestersatz nochmals ausdünnt. Historisch korrekt? Sicher beide nicht, aber doch mal was anderes. Karajan und Bernstein sollen ja auch nicht nachdirigiert werden, obwohl sie gelegentlich Pate standen, mehr als Furtwängler, von dem ich bei Thielemann eigentlich auch nichts höre. Zwei bedeutende Interpretationen, wobei mich Thielemann dann halt packt, Järvi beeindruckt, intellektuell fordert, aber letztlich kalt lässt.