In seinem "Büroroman" beschreibt Walter Richartz unerbittlich den Büroalltag, mit all seinen auf gleichzeitig triviale und grausame Art komischen Begleiterscheinungen. Das Büro, in dem Herr Kuhlwein, Frau Klatt und Fräulein Mauler ihre Tage zubringen, wird zum Mikrokosmos der besonderen Art, gezeichnet von unerbittlicher Routine und graduell abgestufter Vertrautheit, die zwischen echter Anteilnahme und alltäglicher Abstumpfung gegeneinander gekennzeichnet ist. Sogar die "kleinen Fluchten" sind von der alles zermalmenden Routine nicht ausgenommen, wie z.B. Frau Klatts ritualisierter Mittagsschlaf auf dem Klo zeigt. Dasselbe gilt für die Unterbrechungen, die gelegentlich von außen hereinkommen: Die meisten davon sind ebenfalls nach bewährtem Muster ablaufende Routine (Betriebsversammlungen, Chef-Besuche, Kantinenmahlzeiten), und wenn nicht (z.B. ein spektakulärer Beinahe-Unfall eines Fensterputzers), dann regen sie die Büro-Insassen nur kurzfristig zu Fluchtgedanken verschiedener Art an, sind aber schon einen Tag später wieder versandet.
Trotz seines "grauen" Sujets ist der "Büroroman" alles andere als langweilig: Neben der unübersehbaren, manchmal schon grotesken Komik, die Richartz in dieser Einöde erkennen lässt, etwa wenn er absurde Smalltalk-Rituale erbarmungslos in wörtlicher Rede wiedergibt, ist es besonders faszinierend, wie souverän er die verschiedenen Erzähl-Tempi handhabt: Komplette Lebensläufe der Protagonisten werden in all ihrer Tragik in atemlosem Zeitraffer berichtet, und dann wieder wird die ereignislose Dienstzeit gerade durch ihre minutiöse Wiedergabe charakterisiert. Dieser Wechsel zwischen Zeitlupe und Zeitraffer schadet der Romanhandlung keineswegs, sondern er erzeugt eine ganz eigene Spannung.
Wie absurd das ganze Geschehen aber tatsächlich ist, erfährt man im letzten Kapitel; hier wird die banale Tragik der drei Protagonisten grotesk auf den Punkt gebracht. Moderne Zeiten brechen an, aber ob die wirklich so modern sein werden, darf man nach diesem Roman bezweifeln.