Das Buch ist eine Sammlung von Essays aus den letzten zwanzig Lebensjahren des Autors, Reden, Zeitschriftenartikel. Joachim Fest schreibt in unaufgeregter, aus weitreichender Bildung geformter Manier. Es ist ein attribut- und adjektivreicher Text, ein ernsthafter, ein wohlüberlegter.
Fest befaßt sich mit der Geschichte, mit der Geschichtsschreibung, mit Schriftstellerei und Literatur; all das aus der Sicht des gebildeten, zumal in vielfältiger Hinsicht aus der Zeit gefallenen Bürgers. Das Bürgertum in der alten Definition einer inneren Überzeugung, einer Lebensart, einer Weltsicht bestimmt den Geist des Buches. Die postmoderne Inanspruchnahme des Bürgers und des Bürgertums durch gegenwärtige Akteure vielerlei Couleur wird nicht nur kritisiert, sondern der Erzählstil beschreibt zugleich das andere, tiefere Wesen des Bürgertums.
Fest belehrt nicht. Aus jeder Formulierung spricht die Erhabenheit, die Überlegenheit des vielseitig und umfassend Gebildeten; das schafft Distanz zu all jenen, die dieses Niveau nicht erreichen. Wenn es einen Vorwurf gibt, dann jedoch nicht den, daß dieses Niveau nicht erreicht wird, sondern den, daß es nicht einmal angestrebt wird.
Wer Fest nicht kennt, braucht einige Zeit, um seinen Schreibstil kennenzulernen. Seine Texte eignen sich nicht zum Überfliegen. Man muß Arbeit investieren, um die Konstruktionen von noch und noch einem Nebensatz zu durchdringen. Der Lohn der Mühe folgt prompt und zuverlässig. Fest nimmt den Leser auch sprachlich mit auf eine Reise in die Welt des Geistes, des Gedankens, auch des Intellekts, schließlich in die Welt des Bürgertums und macht dadurch deutlich, welcher Verlust es war und ist, daß das Bürgertum dahingegangen ist. Denn auch das wird klar mit dem Buch, aber nicht nur dadurch: das Bürgertum hat Hitler zuschanden geritten, im Osten hat die SED es erst recht ausgetrieben, und die kümmerlichen Reste vegetieren dahin, und kaum ein Bewahrer, ein Verteidiger findet sich, eine Gruppe bekennender Bürger, die die bürgerlichen Werte bewußt und offenkundig zur Richtschnur des Handels macht. Joachim Fest war so einer. Es gibt andere; das Buch zeigt, welch großer Bürger mit ihm gegangen ist.
Gottlob erscheint der Text im Original, d. h. in unreformierter Orthographie. Ein würdiger Rahmen.