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ENDE DER TÄTERFIXIERUNG, 26. Februar 2002
Rezension bezieht sich auf: Auf dem Weg zum Bürgerkrieg? Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland (Taschenbuch)
Seit Jahren warnen Soziologen, Politikwissenschaftler und Sozialarbeiter: Das Problem Rechtsextremismus werde in der öffentlichen, vor allem in der politischen Diskussion unangemessen, klischeehaft und realitätsfern debattiert. Ein überzeugter Vertreter dieser These ist der Historiker Wolfgang Benz, Herausgeber der aktuellen Sammlung Auf dem Weg zum Bürgerkrieg? Rechtsextremismus und Gewalt gegen Fremde in Deutschland. Benz macht die im Sommer 2000 einsetzende Kontroverse um rechtsextreme Gewalt und Überzeugungen als Symptom einer gesellschaftlichen Krankheit aus. Er rügt vor allem das fehlende Bewusstsein der politischen Meinungsmacher dafür, dass in weiten Teilen Deutschlands schon seit Jahren ein Kulturkampf im Gang ist.
In diesem Konflikt werde die demokratische Gesellschaft mit ihren liberalen, pluralistischen und humanen Werten durch Fremdenangst, Rassismus und völkische Ideologien unterspült. Benz fordert: „Die Täterfixierung, die bei Politikern und in den Medien grassiert, muss aufgehoben werden.“ Denn wer nur auf die rechtsextremen Gewalttäter schaut, übersieht die weitaus größere Gefahr einer stets wachsenden Subkultur, die weit über die Kerngruppe der Neonazis hinaus reicht. So blickt dieses Buch, das elf Aufsätze von Mitarbeitern des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin vereint, nicht empört auf rechtsradikalen Krawall und grölende Skinheads, sondern zeigt einzelne Aspekte wie die Bevölkerungsbasis des Rechtsextremismus, die Geschichte des „Revisionismus“, wichtige Generationskonflikte, Rechtsaußen-Parteien, Internet-Propaganda oder Mängel der journalistischen Darstellung auf.
Hervorzuheben ist dabei Bernd Wagners Beitrag über die Szene rechtsextremer Gewalt in den neuen Bundesländern, eine fundierte Darstellung der aufflammenden Fremdenfeindlichkeit nach 1990. Er zeigt vor allem, wie eine spontane, rechtsextreme „Fun-Kultur“ das gesellschaftliche Vakuum gefüllt und sogar regionale Dominanz errungen hat. Wagner legt dar, wie in der rechten Jugendbewegung eine Verbindung aus Ideologie und Freizeitangebot entstanden ist. Sie ist heute nicht als politische Aktionsform, sondern als soziale Szene oder Clique für Jugendliche reizvoll. Hier deutet er auf die wichtige Rolle von Musik und Symbolik zur Identitätsstiftung und stetigen Berieselung mit rechtem Gedankengut. Erhellend für das Verständnis des Fremdenhasses ist auch ein Blick auf die alten Normen der DDR-Arbeiterklasse: Dort herrschte ein aufgezwungener Antifaschismus und das gesunde Maß der sozialistisch-homogenen Mitte. Abweichler waren unerwünscht. Nach der Wende gab es nicht nur Skepsis gegenüber Westdeutschen, sondern vor allem Misstrauen gegen alles Fremde – was zudem durch plötzliche ökonomische Probleme angeheizt wurde und sich in starkem Freund-Feind-Denken niederschlug. „Auf dem Weg zum Bürgerkrieg?“ wird durch eine Chronik rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit 1990 abgerundet, die schockierend ist.
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