Es bleibt immer ein fragwürdiges Unterfangen, einen noch Lebenden mit einer Biografie zu würdigen. Das gilt auch dann, wenn der zu Würdigende ein Literatur-Nobelpreisträger ist und Günter Grass heißt und in Kürze 75 Jahre alt wird. Sei's aber drum: das Buch ist geschrieben und soll gelesen sein. Und vielleicht ist ihm Gutes abzugewinnen?
Michael Jürgs ist geübt in gefälliger Biografik. Hat der Journalist sich auf diesem Feld doch schon heftig getummelt. Unter anderem ist eine Richard-Tauber-Biografie aus seiner Feder, sind es "Der Fall Romy Schneider" und "Der Fall Axel Springer". Und nun also "Bürger Grass. Biografie eines deutschen Dichters". Und zugegeben: Ihm ist mit dieser Biografie ein hochinteressantes, ein spannendes Buch gelungen. Basierend auf vielen Gesprächen mit Grass selbst, auf Interviews mit Weg- und Zeitgefährten, in umfassender Kenntnis des Werks hat sich Jürgs auf erfolgreiche Spurensuche begeben.
Dass der Biograf seinem Helden Grass äußert zugetan ist, beweist er mit jeder Zeile. So gerät ihm gleichsam unter der Hand die Lebensbeschreibung des Sprachbildhauers, des Dichters, des sich ständige einmischenden homo politicus zu einer Art Hagiografie. Das geht so weit, dass Jürgs versucht, sich dem Objekt seiner schriftstellernden Begierde im Grass'schen Stil zu nähern. Man gewöhnt sich allerdings im Laufe der Lektüre fast daran und nimmt mehr oder weniger gelassen die nie endend wollende Begeisterung mit all ihren Lobpreisungen und Schmeicheleien hin. Das hat sich allerdinsg nach dem "Geständnis" von Grass sowohl bei Jürgs als auch bei (diesem) Leser geändert.
"Ich gebe kein Bild ab. Sinnlos mich auf einen Nenner bringen zu wollen." Auch: "Auf verquere Weise bin ich unkompliziert." Und das ist der am 16. Oktober 1927 in Danzig-Langfuhr, Labesweg 13, geborenen Kaschube und Blechtrommler allemal. Beginnend als Soldat (und später mehr) und gelernter Bildhauer wird aus ihm erst der Lyriker, dann der große Erzähler, der mit seiner "Blechtrommel" die deutsche (Nachkriegs-) Literatur (mit Böll, mit Lenz) entscheidend prägt. Mit der "Blechtrommel" kommt "Bruder Ruhm", der den Dichter mit der barocken Sprachgewalt von nun an begleiten soll.
Jürgs geht es aber in erster Linie um den "Bürger Grass", erst im Untertitel um den deutschen Dichter. So hat der Dichter Grass Bruder Ruhm eingesetzt, um den Bürger Grass zu etablieren. Er hat den Elfenbeinturm verlassen, um sich im Alltag zu engagieren. Er hat in Wahlkämpfen heftig für seinen Freund Willy Brandt und die Es-Pe-De getrommelt, gegen das Vergessen angeredet und angeschrieben - zuletzt mit der brillanten Novelle "Im Krebsgang"; er hat die Demokratie besungen und ihre vermeintlichen Feinde beschimpft. Er hat sich gegen den Strom der Zeit in die Diskussion um die deutsche Wiedervereinigung eingemischt. Er tat dies alles sehr gründlich. Schnell galt er als eine Art Gewissen der Nation. All das ging jedoch nicht ohne Blessuren ab. Für andere ohnehin, für ihn selbst, oft genug die beleidigte Leberwurst spielend, nicht minder.
Und immer wieder Gedichte, Novellen, Romane. Nicht alle waren, sind gut. So musste er sich der Kritik stellen. Hier wie dort - der Dichter und der bekennende Kleinbürger gerieten ins Kreuzfeuer. Viel Feind, viel Ehr. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Kann er nicht. Und so sind aus vielen Freunden Feinde geworden, Erzfeinde gab und gibt es auch. Sie sind mit dem Namen Reich-Ranicki beschrieben. Reich ist Günter Grass auch geworden. Frauen haben ihn geliebt und lieben ihn - und er sie. Patriarch einer großen Sippe ist der sechsfache Vater und fünfzehnfache Großvater. Tänzerisch weiß er zu überzeugen, seine Kochkünste sind berühmt. Und dann gab es 1999 endlich den Literatur-Nobelpreis. Verdient! Grass ist auf dem dichterischen Olymp - und genießt es. Weise mag er mittlerweile vielleicht(?) geworden sein, sanft immer noch nicht. Und auf "verquere Weise unkompliziert" ist er ebenfalls noch.
Sehr deutlich wird an den Lebens- und Werkstationen des Bürgers und Dichters Grass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und ein Stück Literaturgeschichte der deutschen Republik. Wir erfahren Umfassendes von der Geschichte der Gruppe 47, auch wenn dem Biografen vor lauter Begeisterung für seinen Helden der eine und andere Fehler unterläuft.
Hat Jürgs uns nun ein Bild vom Bürger und Dichter Günter Grass gegeben? Ja. Auf einen Nenner konnte er ihn allerdings auch nicht bringen. Versucht hat er, ein "Gesamtkunstwerk" Grass zu schaffen. Gelungen ist ihm ein Torso, aber auch der nicht schlecht. Denn wie auch immer: Günter Grass lebt - und so werden wir geduldig auf die ultimative Biografie warten wollen und müssen. Und in der mag sich manches/vieles im Lichte beuer Erkenntnisse anders darstellen.