In einer umfassend angelegten und viel beachteten Publikation hat sich Wolfgang Engler, Professor für Kultursoziologie und Ästhetik an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch" in Berlin, mit der Krise der bürgerlichen" Lohnarbeit unter der Überschrift Bürger, ohne Arbeit" beschäftigt. Der Autor beschreibt zunächst die Entwicklung des Proletariats im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und deren Weiterentwicklung zur Lohnarbeiterschaft im 20. Jahrhundert, um den Leserinnen und Lesern vor Augen zu führen, dass keine Form von Arbeit dauerhaft bestehen bleibt. Die Errungenschaft der Lohnarbeiterschaft (z.B. soziale Absicherung, Krankenversicherung und Urlaubsanspruch) sieht Engler gegenwärtig gefährdet.
Engler weist auf den sozialen Zündstoff hin, der mit dem Schwinden der Erwerbsarbeit verbunden sei: Von außen, von den Rändern und auch im Zentrum wachsenden Erschütterungen ausgesetzt, Abbrüchen und Erosionen, stößt die Erwerbsarbeitsgesellschaft an die Grenze nicht ihrer ökonomischen Leistungsfähigkeit, wohl aber ihrer Integrationskraft. Das wirklich Neue an der sozialen Frage der Gegenwart ist die definitive Auflösung des altbewährten Junktims von ökonomischer Existenzgewinnung und gesellschaftlicher Einbindung." (S. 193)
Engler gibt in seiner Einleitung als Ausgangspunkt seiner Untersuchung an, dass er den Schmerz begreiflich machen wolle, der dem Verlust der Arbeit noch immer inne wohne. Menschen, die ihre Arbeit verlören oder keine Arbeit fänden, büßten die Kontrolle über ihr Leben ein. Allerdings lehnt er den Satz: Jede Arbeit ist besser als gar keine Arbeit", der die Weltanschauung der Lohnarbeitsgesellschaft wie kein anderer kennzeichne, entschieden ab. Diesen Satz anzugreifen, die Ideologie, die auf ihm aufbaut, zum Einsturz zu bringen bildet das Motiv zu diesem Buch." (S. 11) Der Autor plädiert für Modelle zur Anpassung der Wirtschaft an die Überlebensbedürfnisse der Menschheit wie jedes einzelnen und für einen Weg zu einer postnationalen Staatlichkeit, die den Primat des Sozialen hochhält. Und zum Sozialen gehöre auch die Zuerkennung von Teilen des Produktivitätsgewinns aus der Erwerbsarbeit an die dort abhängig Beschäftigten. Entweder könne dies direkt, als Zeitersparnis, erfolgen, oder mittelbar, als Erhöhung der Reallöhne. Je erfolgreicher die Belegschaften die Auseinandersetzung bestünden, desto mehr Zeit stehe ihnen für außerberufliche Bereiche zur Verfügung. Gesamtgesellschaftlich und geschichtlich betrachtet, ist die Senkung des notwendigen Arbeitsvolumens Zweck der Übung." (S. 355)
Als wichtige Voraussetzung eines menschenwürdigen Lebens außerhalb der Erwerbsarbeit sieht Engler die Einführung des Bürgergeldes. Gestützt auf eine anhand von Beispielrechnungen veranschaulichte Gegenüberstellung des Bürgergelds in Form einer negativen Einkommenssteuer" und des Modells der Sozialdividende entscheidet sich Engler für die letzte Variante. Bei diesem Modell erhalte jede erwachsene Person monatlich einen bestimmten Betrag vom Finanzamt überwiesen. Wer über keine weiteren Einkünfte verfüge, könne diesen Betrag behalten. In allen anderen Fällen entscheide die Höhe des Einkommens (sowie der Steuersatz) darüber, ob man weniger, genau soviel oder mehr Steuern entrichte, als man zunächst an Grundeinkommen bezogen habe.
Nach Engler respektiert die Sozialdividende jeden Einzelnen als Mitglied des Gemeinwesens. Sie gebe den im Beruf enttäuschten und gescheiterten Menschen die Gewissheit, dass sie trotz ihres ökonomischen Scheiterns niemals sozial scheitern können. Die Sozialdividende stellt den Arbeiter auf den Sockel des Bürgers, des Menschen mit seinen unveräußerlichen Rechten; Rechte, die aus nichts anderem folgen als aus seinem Hineingeborenwerden in die Welt." (S. 126) Bei der Verwirklichung dieses Bürgerrechts dürfe man sich nicht auf Eliten und Politik verlassen, sondern die Befugnis und die Macht zu einer radikalen Neugestaltung der Gesellschaft liege, so der eindringliche Appell des Autors, beim Willen aller einzelnen.
In seinen anspruchsvollen Überlegungen geht Wolfgang Engler bewusst über tagesaktuelle und kurzfristige Auseinandersetzungen hinaus. Er zieht überzeugend philosophische Betrachtungen und geschichtliche Entwicklungen in seine Ausführungen mit ein und gelangt so zu Einsichten und Lösungsvorschlägen, welche die Debatten über Beschäftigungsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb der Erwerbsarbeit positiv bereichern können. Und letztlich bietet er damit konstruktive, und zuweilen auch provokative Einsichten, welche zu einer vertieften Reflexion über die Arbeits- und Freizeitbedingungen jenseits der Vollerwerbsgesellschaft anregen können.