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5.0 von 5 Sternen
Detlef Opitz, "Der Büchermörder": Mordete Pfarrer Tinius für Bücher?, 25. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Büchermörder (Gebundene Ausgabe)
Auf Detlef Opitz bin ich das erste Mal gestoßen in einem Marbacher Magazin mit dem Titel "Aus der Hand oder Was mit den Büchern geschieht", für das Opitz das Vorwort schrieb. Seither verfolge ich mit großem Gewinn die Arbeiten dieses eigensinnigen Autors, der ein großer Verführer ist. Auch in seinem jüngsten Roman "Der Büchermörder" zieht Opitz seine Leser in den Bann einer Sprache, eines sprachlichen Reichtums, wie er ganz einzigartig ist in der Gegenwartsliteratur. Erzählt wird auf knapp 350 Seiten die Geschichte des bibliomanischen Pfarrers Johann Georg Tinius, der vor 200 Jahren Raubmorde begangen haben soll, um seine Bücherrechnungen bezahlen zu können. So akribisch Detlef Opitz auch der Frage nach der Schuld des Magisters nachgeht, so findet er immer wieder Gelegenheit zu skurrilen Ausflügen in die Welt der Bibliophilie. Etwa wenn er auch die Geschichte des Don Vincente erzählt oder davon, wie man beim Sammeln von Insel-Büchern dem Wahnsinn verfallen kann - um nur einmal zwei beliebige Beispiele zu nennen. Insgesammt ist "Der Büchermörder" ein höchst gelungener Roman, der überdauern wird. Ein Buch, das man besitzen muß!
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3.0 von 5 Sternen
Zu artifiziell, 9. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Der Büchermörder (Gebundene Ausgabe)
Der Fall Tinius Man schreibt das Jahr 1813, als ein spektakulärer Kriminalfall die Menschen beschäftigt. Der Gelehrte von Weltrang, Johann Georg Tinius, wird durch das Dienstmädchen eines Mordopfers der Tat bezichtigt und verhaftet. Kurze Zeit später legt man ihm noch einen zweiten Mord zur Last. Durch die bei diesen Morden geraubten Geldbeträge soll er seine riesige Bibliothek finanziert haben, die zwischen 40.000 – 60.000 Bände umfasst haben soll. Nach einem 10 Jahre dauernden Indizienprozess wird er als Täter verurteilt. Doch viele Fragen bleiben offen. Detlef Opitz unternimmt den literarisch anspruchsvollen Versuch, Antworten zu finden, die seit über 200 Jahren verborgen blieben. Sprachkunstwerk oder künstliche Sprache? Die Idee, einen historischen Kriminalfall literarisch aufzuarbeiten, ist nicht neu. Von Wassermanns „Der Fall Maurizius“ bis hin zu Margaret Atwoods „Alias Grace“ reicht dabei die Bandbreite. Bei Detlef Opitz begannen die Recherchen zu „Der Büchermörder“ einfach damit, dass er eine Art Seelenverwandtschaft zum Büchersammelnden Johann Georg Tinius empfand. Denn Opitz bezeichnet sich selber als Bibliomanen, die schon fast pathologische Züge annehmende Sammelleidenschaft von Büchern. Auslöser dieser Affinität zu Tinius war ein Brief Goethes, in dem dieser von einer Bibliothek sprach, die zwangsversteigert werden solle. So begann Opitz seine Recherchen, deren krönender Abschluss nach 10-jährigen Vorarbeiten das nun vorliegende artifizielle Werk ist; welche Koinzidenz bei den Zeiträumen! Eine Einteilung in gängige Genres ist schier unmöglich, da der Autor neben der Erzählung der Lebensumstände Tinius, dem Kriminalfall, den Recherchen zu seinem Buch usw. sich verschiedenster literarischer Stile bedient, angefangen von Augenzeugenberichten bis hin zur Collage. Doch damit nicht genug, denn Opitz legt auch bei der Auswahl der Sprachstile Kreativität an den Tag und so findet man zwischen Umgangssprache, verstaubtem Deutsch und literaturwissenschaftlichen Phrasen versteckt eine Vielzahl von semantischen Spitzfindigkeiten und grandiosen Doppeldeutigkeiten. Um den Genuss zu vervollständigen, beglückt uns Opitz noch mit einer Vielzahl verschiedenster Personen und Ortsbezeichnungen und wechselt beständig zwischen den Zeitebenen. Fazit: Für den einen ein Sprachkunstwerk, für die anderen eine Zumutung. Warum der Autor durch seinen komprimierten Literatur-Overkill die Schicht derjenigen, die alle Aspekte des Romans verstehen können, so stark einschränkt, ist völlig unverständlich. Und völlig offen bleibt, ob sich diese auch noch durch einen derart artifiziellen Roman quälen, wenn es doch so grandiose Alternativen wie Wassermann, Atwood und Dominguez gibt.
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11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"War Magister Tinius schuldig?" Zu Detlef Opitz' Roman "Der Büchermörder", 31. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Büchermörder (Gebundene Ausgabe)
Der Schriftsteller Detlef Opitz (Jg.1956) passt nicht in den allgemeinen Kanon der deutschen Gegenwartsliteratur! Vielmehr ist seine Literatur schwer zuzuordnen. Zuweilen heisst es, sie sei regelrecht zeitlos. Der Autor wird als Kauz und Exot bezeichnet, aber auch als Genius und "literarischer Einzeltäter allerhöchsten Kalibers". Bereits mit seinem 'Luther'-Roman "Klio, ein Wirbel um L." (1996, Steidl-Verlag), setzte Opitz ganz neue Akzente. Der enorme, sehr aussergewöhnliche Sprachreichtum. Die oft verblüffenden stilistischen und inhaltlichen Kapriolen. Eine barocke, ja geradezu unheimliche Lust am Erzählen: - All das hebt bereits diesen Roman vom täglichen Allerlei des gegenwärtigen Literaturbetriebs ab. Im Herbst 2005, immerhin neun(!) Jahre nach Erscheinen von "Klio, ein Wirbel um L.", erschien der Roman "Der Büchermörder". Im Mittelpunkt der Handlung steht ein sächsischer Prediger, Orientalist, der authentische Magister Johann Georg TINIUS (1764-1846). Der wurde im Jahre 1813 beschuldigt, in Leipzig zwei Raubmorde begangen zu haben. Das Motiv: von dem erbeuteten Geld seine immensen Bücherrechnungen zu bezahlen. Der Prozess zog sich über 10 Jahre hin: Er führte schliesslich zur Verurteilung des umtriebigen Magisters, obwohl dieser sich zeitlebens für unschuldig erklärte. Noch nach seiner Verurteilung, aus dem Kerker in Zeitz heraus, trachtete er danach, seine Unschuld zu beweisen ohne Erfolg, wie man erfährt. Dieser Prozess erregte zur damaligen Zeit hohes Aufsehen. Sogar der Geheimrat Goethe im fernen Weimar war in gewisser, ganz unrühmlicher Weise in den Fall involviert. Wenige Jahrzehnte später geriet die causa jedoch in Vergessenheit, was auch damit zu tun hatte, dass die betreffenden Prozessakten nach offizieller Auskunft bereits Mitte des 19. Jahrhunderts makuliert wurden, so dass es nicht mehr möglich war, authentisch über den Fall zu berichten. Oder? Detlef Opitz nun entwickelte seinen Roman auf mehreren Ebenen. Da ist zunächst die Lebensgeschichte des Magisters und die Geschichte seines Verfahrens. Darüber hinaus gibt es eine unglaublich spannende Gegenwartsebene, die die Recherchen nach Tinius darstellt. U.a. gelingt es dem Autor (bzw. dem Romanhelden) nach langjährigen Mühen, die makuliert geglaubten Originalakten wieder aufzufinden - in einer deutschen Spezialbibliothek in Boston. Aber selbst wenn man sich nicht so für das Schicksal eines deutschen Bibliomanen interessiert, so kommt man doch nicht umhin, den sprachlichen und stilistischen Reichtum und vor allem den ab- und hintergründigen Humor dieses Werkes anzuerkennen. Opitz scheint alle literarischen Stile der letzten dreihundert Jahre quasi im Schlaf zu beherrschen und oft möchte man meinen, es sei ihm gar nicht so sehr am tragischen Schicksal des Magisters gelegen, sondern mehr daran, der zunehmenden und mindestens ebenso tragischen Verarmung einer Sprache entgegen zu wirken. So kann man getrost sagen: Detlef Opitz setzt nicht allein dem Büchermörder Tinius ein literarisches Denkmal, sondern darüber hinaus der deutschen Sprache. Und, mit Verlaub, sich selbst. Hans-Peter Buergerl
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