In dieser Autobiografie der Extreme packt der Ex-Vizepräsident der Hells-Angels-Charter in Oakland richtig aus. Und was er in "Böser Engel" aus seinem Erinnerungs-Gepäck zieht, ist mehr als schmutzige Wäsche. Mir ist eine bunte Mischung aus Insiderwissen und spannenden Geschichten aus dem Leben einer legendären Bikergang begegnet. Es gibt nichts daran zu beschönigen: Menschen werden durch Drogen ins Unglück gestürzt, es fliesen Alkohol und Blut, und es herrschen skurrile Gesetze von Verbrecherehre, Gefolgschaft, Dummheit, Mord und Hölle ...
14 Jahre lang sind George Wethern (und seine Frau) bei den Hells Angels und leben in einer kriminellen Parallelwelt, in die ich hier mit viel Gänsehautfeeling eingetaucht bin. Da die beiden mit ihren zwei Kindern, so sagt es das Vorwort, heute mit neuen Identitäten getrennt von ehemaligen Freunden und Familie an einem geheimen Ort leben, können sie ohne jede Rücksicht oder Angst offenlegen, was sie erlebten.
Der Bericht knallharter Fakten wechselt mit spannend geschriebenen Episoden ab, die einen richtig ins Geschehen ziehen. Die Innensicht, die man hier bekommt, zeigt, in welche kriminellen Machenschaften die Biker verwickelt waren (und sind), wie es in ihnen aussieht und wie schwer es ihnen fällt, sich, selbst wenn sie wollten, von den Hells Angels zu trennen.
Besonders interessant fand ich es, zu lesen, wie die Mitglieder in dieser Bikergang ticken, welche Vorstellungen von Freundschaft, Zusammenhalt, Verrat und Intrige sie haben. Manchmal klingt es so, als ob kleine Kinder in den Körpern besonders männlicher Burschen und auch harter Frauen ihre Pubertät ausleben. Doch bei diesem Räuber-und-Gendarm-Spiel geht es um Leben und Tod. In ihrem tiefen Inneren wünschen sich die Angels Respekt und Anerkennung, wahre Freundschaft, Erfolg. Doch ihre moralischen Haltungen sind zerbrechlich. Loyalität gegenüber der Gemeinschaft wird oft durch Egoismus und Machtdurst besiegt. Was man Menschen außerhalb der Gruppe anzutun bereit ist, tut man manchmal auch seinen "Waffenbrüdern" an: weil man den Verrat wittert, weil man groß rauskommen will, weil man stark sein will, weil man im Drogenrausch ist.' Manchmal weiß man es wohl selbst nicht. Es muss schrecklich sein, sich auf niemanden wirklich verlassen zu können, nicht einmal auf sich selbst. Einerseits ist man Teil einer eingeschworenen Schicksalsgemeinschaft, andererseits läuft man ständig Gefahr, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren.
Das Buch zeigt sehr gut, wie die Mitglieder in einem Dauerrausch zwischen Allmächtigkeitsgefühl und Ohnmacht gefangen sind. So manche Mord- und Todschlags-Geschichte klingt zu brutal, um wahr zu sein. Und doch kann man sich im Verlauf des Buchs sehr gut vorstellen, dass rohe Gewalt solche Blüten treiben kann, auch wenn man es am liebsten gar nicht glauben will. Manches von dem, was ich gelesen habe, sollte man vielleicht beschließen, als Erfindung zu verstehen, zumal wenn man in einer sicheren Umgebung in einem Land lebt, wo man froh sein kann, solche Geschichten auf der Couch und in Sicherheit lesen zu können.
Die langsame Entwicklung von Wethern hin zu einem Menschen, der erwachsen wird und merkt, dass das Leben bei den Angels letztlich eine Sackgasse ist, wird gut nachvollziehbar erzählt. Glücklicherweise hat er irgendwann verstanden, dass er sich auf dem Holzweg befindet. Seine Kinder und seine Frau haben sicher dazu beigetragen. Das ist sehr tröstlich. Es ist dem Autor George Wethern nur zu wünschen, dass er diese Geschichte und ihre Geschichten hinter sich lassen kann wie einen bitterbösen Albtraum.
FAZIT: Dieses Buch über gefallene Engel hat mir mehr als gefallen. Es hat mir ein atemloses Lesewochenende beschert. Die spannende Geschichte lebt von viel Insiderwissen und spektakulären Geschichten rund um Waffen, Drogen, Blutsbruderschaft, Ehre, Macht und Ohnmacht, die genial erzählt werden. Ab dem Moment, als ich das Buch erstmals in den Händen hielt, habe ich es kaum mehr aus den Händen gelegt, bis es an einem knappen Wochenende durchgelesen war. Es wäre eine Schande, nicht auch andere Rockerbuchliebhaber auf dieses Buch zu stoßen. Ich finde: Es lohnt sich!