Allen Kindsköpfen
Die leichte Gequältheit, Franzobel zu lesen
Franzobel arbeitet hart am Material Sprache. Er klopft die Wörter ab auf möglichen Doppelsinn, Unsinn oder Kalauerhaltigkeit, stellt sie eulenspiegelhaft auf den Kopf und setzt sie zu Sätzen und Satzfolgen zusammen, die subtilen Wahnsinn offenbaren. Etwa so: «Böselkraut traute seinen Augen nicht. Auch seine Augen trauten ihren Augen nicht, die wiederum ihren Augen nicht trauten. Heutzutage kann man sich auf niemand mehr verlassen. Augen sind blöd.» Er fasst diese ohne Unterlass aufgeschnürten Seltsamkeiten in lange Bücher, eine Leistung immerhin; er versieht sie sogar mit einer entsprechenden Romanhandlung.
In «Böselkraut & Ferdinand» wartet Franzobel mit einer dadaistischen Enid-Blyton-Geschichte auf: Böselkraut, ein hagerer Weltfremdling mit vierzehn Haaren auf dem Kopf («die aber waren so gekämmt, dass man denken musste, es wären mindestens 20»), trifft auf einen Jungen namens Ferdinand, der wie ein «zusammengestauchter Bundeskanzler» wirkt. Sie machen sich auf die Suche nach Böselkrauts verschwundenem Hund, der aussieht, «wie Hunde eben aussehen, helles Fell, etwas dicklich eventuell. Ausserdem trägt er eine Sherlock-Holmes-Kappe am Kopf und eine Meerschaumpfeife im Maul.» Zu Recht ist das Buch «Allen Kindsköpfen» gewidmet.
Franzobel beschränkt sich nicht darauf, die Alltagssprache in eine groteske, humoristische und manchmal einfach hirnverbrannte Schräglage zu kippen. Er will, offenbar, auf noch mehr Ebenen noch mehr Irritation. Abgesehen von der Wort-Gaukelei und der Parodie auf Abenteuer- und Detektivstories hat er auf demselben alle Fiktionen unterlaufenden Level einen Exkurs über das Schreiben an sich im Sinn gehabt. Die Figuren wissen, dass sie literarische Erfindungen sind, gelegentlich meldet sich auch ein zwischengeschalteter Erzähler mit seinen Schreibproblemen zu Wort. So wird «Böselkraut & Ferdinand» unter der Hand zur kleinen Travestie eines selbstreferentiellen, manisch die Schwierigkeiten des eigenen dichterischen Tuns umkreisenden literarischen Habitus, der sich in den vergangenen dreissig Jahren geradezu zum Comme-il-faut der deutschen Literatur entwickelte.
Die Parodie-Ebenen, auf denen sich «Böselkraut & Ferdinand» bewegt, haben zwei Nachteile: Es sind zu viele, und die Mühen ihrer Konstruktion scheinen weithin sichtbar durch. Man spürt die Anstrengung, die es kostet, die Sprache und die Welt ein bisschen auf den Kopf zu stellen und dabei auch noch bissig und intelligent zu sein. Vielleicht hätten mehr losgelöste Leichtigkeit und weniger Ehrgeiz zu einem überzeugenderen Ergebnis geführt: zu mehr Anarchie im Sinne einer grenzüberschreitenden Verrückung des Alltäglichen. So begleitet beim Lesen eine leichte Gequältheit das gelegentliche Entzücken über manche Neu-Arrangements abgegriffener Sprachformeln, über das Wüten gegen den Wort-Kitsch.
In einem anderen Buch aus der Werkstatt des österreichischen Dichters ist die Methode ähnlich, der Gestus aber gründlich anders. «Der Trottelkongress» verzichtet auf eine, wie aberwitzig auch immer konstruierte Handlung, auch wenn es sich dabei, wie der Untertitel vorgibt, um einen «minimalistischen Heimatroman» handelt. Franzobel setzt hier eine bourgeoise Porträtgalerie zusammen, und keiner der Porträtierten sieht gut dabei aus. Sie alle sind hochgradige Erfindungen, die nur noch schwache Ähnlichkeit mit wirklichen Menschen haben. Sie sind, mit Phantasienamen wie Damasus Amböck und Sabianus Nichterl ausgestattet, pure Zerrbilder, hässlich, bedauernswert und scheusslich. In hochgezwirbelter Künstlichkeit lässt Franzobel Fragmente ihres Charakters oder ihres Lebens aufblitzen und wieder verschwinden. Sie sind einander zum Verwechseln ähnlich und sollen es wohl auch sein. Jede linke untere Blatthälfte des Buches ziert eine historische Photo marschierender Menschen; will vielleicht sagen: es ist einer wie der andere, jeder gleich erbärmlich.
Manchmal schlägt die Sprache hier noch Funken, meist aber ist sie angestrengt verschraubt, von mattem, freudlosem Grimm. Selbst dem Witz, einem Grundnahrungsmittel der Franzobelschen Dichtung, wird einmal eine nicht zur Gänze unernst zu nehmende Bankrotterklärung gemacht: «Witzig sein bedeutet Hilflosigkeit! Da ist er völlig weg von sich, da ist der Schmerz, nichts mehr ernst nehmen zu können, sich nicht mehr sinnvoll auseinandersetzen zu können, ein schmerzhafter Prozess. Witzig sein ist fast schon tot.»
Marion Löhndorf
»Der neue Fixstern am Autorenhimmel.« Süddeutsche Zeitung "Auf jeder Druckseite, ja fast in jeder Druckzeile des Romans öffnen sich dem Leser in derlei sprachphantastischer Manier die Augen, kommt es zu seltsam exotischen Begegnungen, für die keine Science-fiction die Rechtfertigung hergeben muß, sondern einzig und allein die Kraft der Buchstaben und Worte, die Faszination surrealistischer Traumwelten, sub- und transrealistischer Grenzüberschreitungen, die uns in ihren Bann ziehen." Karl Riha, Frankfurter Rundschau "Böselkraut zieht in die weite Welt hinaus, um seinen verschollenen Hund Knödel zu suchen, begegnet dabei Ferdinand, und beide finden am Ende den Hund, der ins Kanalsystem gerutscht ist. Böselkraut, der alles ansieht, wie die Kuh das neue Tor. Ein Candide, Voltairesche Statur. Unschuldsmasche. Und Ferdinand, das neunmalkluge Kind. Und hundert Zappelfiguren drumherum. Und der Sprachwitz natürlich. Hauptfigur Sprache." Leopold Federmair, Der Standard