Ich habe mir den Film auf dringende Empfehlung angesehen, kann aber die allgegenwärtige Euphorie weder erklären noch nachvollziehen - die Einstufung als FSK 18 schon gar nicht, das würde heute als FSK 6 oder FSK 12 durchgehen, unabhängig von der psychologischen Thematik, und ich kann nicht glauben, dass der Film vor 50 Jahren derart jugendgefährdend gewesen sein soll. Überhaupt wird in den Film wohl mehr hineininterpretiert als wirklich drin ist.
Gut, die Schauspieler agieren solide, die Kameraführung ist solide, die Regie ebenfalls, aber mehr als solide ist das alles nicht, weil es zum einen geradlinig abläuft, zum anderen einer etwas zweifelhaften Moral folgt. Es geht im Grunde um die Frage, ob die Anlage zur Kriminalität vererbt wird oder Umwelteinflüssen zuzuschreiben ist. Auch wenn der ganze Film einer biederen 50er-Jahre-Ästhetik folgt, ist das Pathos etwas dick aufgetragen, und für die Hauptpersonen (Mutter und Tochter) fühlt man irgendwie weder Mitleid noch Furcht noch irgendwas, es ist einem eigentlich egal, denn sie agieren derart abstrus, dass man selbst für den Fall, dass man davon ausgeht, dass vor 50 Jahren eine andere Moral herrscht, nur noch den Kopf schütteln kann.
Verwöhnte Göre bringt einen Jungen um, weil er ihr nicht gibt, was sie will, Mutter zieht Göre nicht zur Rechenschaft, weil sie sich ja so an deren Verhalten schuldig fühlt, weil sie selbst ja nur Tochter einer Verbrecherin ist und dieses Verbrecher-Gen wohl weitergegeben hat (und somit jede Aktion gerechtfertigt zu sein scheint). Göre pendelt immer zwischen nettem Engel und eiskaltem Teufel hin und her (aus Veranlagung oder Berechnung? Das lässt der Film offen), wohin die Geschichte führt, ist spätestens nach 20 Minuten klar, insofern ist das (deutschsprachige) Ende mehr als nur vorhersehbar.
Auf der DVD ist aber Gott sei Dank die ungeschnittene Fassung (restliche Zeit dann auf Englisch mit deutschen Untertiteln), die uns im Kino vorenthalten wurde und die noch ein paar Tage nach dem "deutschsprachigen Ende" schildert. Das ist interessant, weil es eine Variante des eigentlichen Endes noch einmal weiterspinnt, aber es ist nicht mehr als nur eine Möglichkeit des Handlungsverlaufes. Und das Ende, das man laut Abspann auf keinen Fall verraten darf, ist nur eines: schlichtweg bescheuert. Rächt Mutter Natur das, was Menschen nicht zu beurteilen fähig sind? Gott, was für eine Gefühlsduselei ...
Wer Filme aus derselben Epoche sehen möchte, die - ebenfalls in schwarzweiß gehalten - nervenaufreibende Spannung bieten, dem seien "Infam" und "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" empfohlen, die halten das, was "Böse Saat" verspricht und sind überdies noch jugendfrei ...