Der Wiener Historikers Philipp Blom studierte Geschichte, Philosophie und Judaistik in Wien und Oxford und promovierte in Geschichte. In seinem Buch "Böse Philosophen" beschäftigt er sich mit den Vordenkern der Aufklärung - und kommt zu einem radikalen Schluss: Es wird systematisch verdrängt, dass wir unsere Werte nicht der Religion verdanken, sondern der Aufklärung - und zwar nicht der eines Jean Jaques Rousseau, sondern der des radikaleren Denis Diderot. Der Buchtitel ist ironisch zu verstehen, denn für den Autor sind diese Intellektuellen keineswegs böse, sondern die zukunftsweisenden Köpfe der Epoche.
Als die "radikalen Aufklärern" bezeichnet Blom die Clique von Freunden, die sich im Pariser Salon des Barons Holbach trafen und bei Essen und Trinken "philosophierten". Die besten Köpfe Englands, wie Adam Smith, Lawrence Sterne oder David Hume, drängten sich, zu diesem Kreis Zugang zu erhalten. In dieser lockeren Atmosphäre eines Pariser Salons entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Idee der "radikalen Aufklärung". Darunter versteht Blom die radikale Abwendung von dem leidenden und zu Tode gefolterten Gott des Christentums, sowie die radikale Zuwendung hin zum Leben "nach der Natur", hin zur Erforschung der Naturgesetze. Denn diese radikalen Aufklärer sahen in der Religion den Feind von Freiheit, Vernunft, Wahrheit, Lust und Ethik. Eine Gesellschaft, die sich aus der schuldbeladenen christlichen Moral ableitet, bedeutete für sie Versklavung.
Als Gegenpol zu dieser Gruppe um Diderot und Holbach baut der Historiker Blom zwei Figuren auf, die bis heute unser Bild von der Aufklärung prägten und zu Unrecht dominierten: Voltaire und Rousseau. Voltaire sei nur ein Financier von Fürsten gewesen, ohne eigenes philosophisches Werk, der vor Angst um sein Geld Gott als moralische Schutzmacht vor Dieben gebraucht hätte. Und auch Rousseau betrieb nach Blom das Gegenteil von Aufklärung. Nämlich die Verklärung seines eigenen Egos. Ein Schmerzensmann, der es liebte, von seiner Angebeteten gezüchtigt zu werden. Rousseau gründete seine eigene, private Religion: Den Glauben an die Unschuld der Natur und an die Schuld der Gesellschaft, an das schlechte Gewissen.
Dennoch hat Rousseau unser Bild der Aufklärung entscheidend geprägt. Er gilt als "guter" Philosoph - zu Unrecht, findet Blom. Für ihn waren seine Wegbegleiter Denis Diderot und Baron Paul Thiry d'Holbach die wahren Aufklärer. Doch sie wurden im Schatten von Rousseau marginalisiert und galten als "böse", weil sie den Frevel begingen, Gott zu leugnen.
Philipp Blom will die radikalen Aufklärer rehabilitieren, er ist überzeugt: Rousseau ebnete den Weg für die Unterdrückung des Menschen im Namen des "Guten", die Legitimierung des Stalinismus und anderer politischen Unterdrückungssysteme. Jean-Jaques Rousseau war kein Menschenfreund, sondern ein Feind der menschlichen Freiheit - und das alles im Namen der Aufklärung. Um die ideale Gesellschaft zu schaffen, dürfe der Staat auch Zwang anwenden, so Rousseau. Blom führt diese Haltung darauf zurück, dass Rousseau tiefreligiös war und ohnehin auf ein besseres Leben nach dem Tod hofft.
Mein Fazit:
Der Historiker Philipp Blom hat ein fesselndes Buch über gar nicht fromme Philosophen der Aufklärung geschrieben. Anekdotenreich und empathisch schildert er die Beziehungen der Besucher im Pariser Salon Holbach. Dabei bedient er sich einer brillanten Erzähltechnik, Leben und Lehre der geschilderten Personen fließen elegant ineinander. Das Buch ist für mich ein historisches Meisterstück und philosophisches Plädoyer zugleich. Es bringt die die radikale Variante der Aufklärung wieder in Erinnerung, die eine Idee von einer wirklich menschlichen Gesellschaft hatte.