Mit dem Grundton heiterer Gelassenheit, meist versöhnlich gestimmt, vielleicht ganz gelegentlich mal ein bisschen kokettierend, schreitet der emeritierte Hochschullehrer, Ex-Kultusminister und Top-Repräsentant des deutschen Katholizismus die Stationen seines Lebens ab. Und was er ausschüttet ist ein Füllhorn an Begegnungen, Porträts, Beobachtungen aus der Universität, der bayerischen Landespolitik oder der katholischen Kirche, all jener Bühnen, auf denen Hans Maier im Laufe seines Lebens meist Haupt- und nur selten Nebenrollen gespielt hat.
Der gebürtige Freiburger nennt sich selbst einen "49er", also einen derjenigen, für die das Grundgesetz mit seinem Wertekanon und all seinen ihm zugrunde liegenden Erfahrungen und Erkenntnissen den Neubeginn der Demokratie nach dem Krieg markierte. Das galt es zu bewahren und zu verteidigen, was der Politikprofessor in München gegen die linksextremen 68er-Gewalt-Attacken auch tut. Er zitiert den Kabarettisten Werner Finck mit dem Satz "Eine Widerstandsbewegung für das Grundgesetz - so etwas wird man ja wohl noch gründen dürfen". Maier klingt, wenn er die Zustände an den Universitäten Ende der späten 60er und frühen 70er Jahre schildert, dabei etwa den Antisemitismus der Linksextremisten pointiert erwähnend, gar nicht mehr so versöhnlich. Ein "kräftiger, solider, lange vorhaltender Zorn" leitet ihn.
Es ist keine Flucht aus der Universität, sondern fast eine logische Folge seines Engagements, dass Maier 1970 das Angebot annimmt, in Bayerns Staatsregierung als Minister für Unterricht und Kultus einzutreten. Aus dem Lehrer der Politik wird ein Praktiker, der sich nach kurzer Eingewöhnung innerhalb der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag wohlfühlt. Den Abgeordneten begegnet er mit Respekt und ehrlicher Neugier, die szenischen Schilderungen bezeugen es. Es scheint, als sei da ein Ordinarius recht zufrieden, ja glücklich gewesen, "Land und Leuten" so nahe kommen zu können.
Über 16 Jahre war Maier "der" Kultusminister schlechthin, Gegengewicht und Bremsklotz für Bildungsexperimente, die sich SPD- und FDP-Politiker in den 70ern ausdachten. Maier organisierte die "Tendenzwende", u.a. indem er den "Bund Freiheit der Wissenschaft" maßgeblich mitgründete. Und natürlich, indem er praktische Bildungs- und Hochschulpolitik machte.
Die analytischen Fähigkeiten des Wissenschaftlers blitzen auf, wenn er die "Regierungsstile" der Ministerpräsidenten Goppel, der ihn in die Politik holte, und Strauß vergleicht. Vor allem Franz Josef Strauß: von Beginn an ein schwieriges Verhältnis. Meisterhaft die ebenso knappe wie glasklare Skizze, die Maier zum persönlichen (Landes-)Politik-Stil von Strauß gelingt. Das mit den beiden ging nicht gut, und Maier verliess erst die Regierung und dann die (Landes-)Politik.
Das Zeugnis eines unermüdlichen Geisteslebens in Theorie und Praxis beeindruckt. Seine zahllosen Kontakte und Begegnungen mit Politikern, Wissenschaftlern, bildenden Künstlern, Schriftstellern, Musikern, die politische Arbeit an der Spitze eines Schlüsselressorts, an der "Partei-Basis", dazu Veröffentlichungen, sein selbstbewusstes, offenes und dialogisches Agieren als "Kopf" des deutschen Katholizismus (man lese nur die Passagen zu Heinrich Böll) und - immer wieder - seit früher Jugend das Musizieren auf der Kirchenorgel (eigene Konzerte und Aufnahmen).
Ein rasantes Tempo, immer auf der Überholspur, typisch für diejenigen, die nach den entsetzlichen Verlusten der Weltkriegs, in den 50ern und 60ern früh Verantwortung übernehmen mussten - und konnten.
Maiers Erzählweise ist leichthändig. So hin und wieder hätte man aber gerne mehr erfahren, auch um den Preis, das es etwas anstrengender zu lesen gewesen wäre. Beispiel: Maier fühlt sich als "Konservativer" falsch eingruppiert. Gut. Was ist er dann? Ein Christdemokrat, einer mit badischen Wurzeln noch dazu. Was aber zeichnet den aus? Und was unterscheidet ihn eigentlich von einem Christsozialen, ganz gleich ob bayrisch oder nicht? Dazu hätte man gerne eine zusammenhängende - und sei es noch so kleine - Abhandlung gelesen.
Gleiches gilt für sein jahrzehntelanges Verhältnis zu Joseph Ratzinger ("freundschaftlich, aber auch spannungsvoll"): Es gibt die eindrucksvolle Schilderung eines offensichtlich hochemotionalen Zusammenstoßes beider wegen der Beteiligung der katholischen Kirche an der Schwangerenberatung in Deutschland (Ratzinger dagegen, was Maier empört und ihn den Pilatus-Vergleich ziehen läßt)und immer wieder Einsprengsel, Andeutungen über Verbindendes und Trennendes. Einen durchkomponierten Abschnitt über den heutigen Papst gibt es nicht. Leider. Das hätte vielleicht dem dritten Abschnitt der Erinnerungen, der von der Rückkehr an die Münchner Universität handelt, etwas mehr Glanz verliehen.