Nach dem mysteriösen Selbstmord des örtlichen Postboten erscheint ein unheimlicher Zeitgenosse in der kleinen Stadt Willis - ein seltsamer, neuer Postbote, der fortan merkwürdige, offenbar gefälschte Briefe und Päckchen austrägt und somit mehr und mehr die Bevölkerung der amerikanischen Kleinstadt einerseits gegeneinander aufhetzt, andererseits einzelne Bewohner von der Paranoia in den Wahnsinn treibt.
Der amerikanische Autor Bentley Little gilt als neuer Stern am mittlerweile recht einsamen Horrorhimmel - und tatsächlich ist sein Buch "Böse" (erkläre mir bitte einer diese immer dämlicher werdenden deutschen Titel) ein wahrer Pageturner. Es fängt auch recht aussichtsreich an - die Stadt und seine Bewohner werden anhand einer typischen, kleinen Durchschnittsfamilie (Mutter, Vater, Kind) hervorragend in Szene gesetzt, so wie es der King des Horrors und selbsternannter Fan und Entdecker von Bentley Little in seinen besten Zeiten nicht besser gekonnt hätte.
Weswegen das ganze jedoch ein recht belangloses Buch bleibt, ist folgenden Ursachen zu verdanken: Alles bleibt letztendlich an der Oberfläche. Keine der Figuren werden nach wirklich exquisiter Exposition näher beleuchtet, was wirklich schade ist. Und so wiederholen sich die Szenen nach der Hälfte des Buches. Es gibt keine wirkliche Steigerung mehr. Es ist wirklich schade, dass Little so viele unterschiedliche Figuren eingeführt hat, aber der Leser letztendlich nur einen, nämlich den Familienvater, bis ins Finale begleiten darf. Andere Figuren werden wie beim Schach kurzerhand aus dem Verkehr gezogen.
So nett die Geschichte eines dämonischen Postzustellers auch ist, man hätte wirklich mehr daraus machen können. Zuweilen fühlt man sich an Stephen Kings "Needful things" erinnert, der Autor kupfert hier wirklich deutlich ab. Man mag Kings Werk vorwerfen, dass die meisten seiner Bücher vielleicht zu lang sind, dafür entwickeln sie aber auch einen ganz anderen Sog als dieses lediglich an der Oberfläche dümpelnde Büchlein. Es gelingt ihm nicht, die Dynamik einer vom Teufel besuchten Ortschaft (und somit ein Abziehbild der Teufel in jedem einzelnen von uns) gerecht zu werden. Das Böse kommt von außen, verseucht die Harmonie und muss besiegt werden, damit man die alte Ordnung unverändert wieder herstellen kann. Hier wurden einige Chancen vertan, da hilft auch der zynische und ungläubige Polizeichef in der Story nichts mehr (oder der Hinweis, dass diverse Protagonisten nach dem Erlebten "nie wieder dieselben" sein würden - schwach).
Trotzdem ist Bentley Little ein interessanter, kluger und unterhaltsamer Autor, der etwas kann, wie das erste Drittel beweist. "Böse" (Mann, dieser Titel ...) wir bestimmt nicht das Letzte gewesen sein, was ich von ihm gelesen habe. 3,5 Punkte mit der Tendenz nach oben.