"Böse Geister", 1873 veröffentlicht und auf dem deutschen Buchmarkt lange unter dem Titel "Die Dämonen" erhältlich, kann als großes literarisches Gegenbild zu Dostojewskijs Roman "Der Idiot" gelesen werden. Während dort der etwas weltfremde, aber gutmütige Fürst Myschkin an seiner Vereinzelung inmitten einen böswilligen, intriganten Gesellschaft irre wird, malt Dostojewskij in "Böse Geister" das Panorama eben dieser aus den moralischen Angeln gehobenen, jede echte positive Gesinnung zynisch verachtenden Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht Stawrogin, ein Held von der psychologischen Dimension eines Raskolnikow, von fataler Attraktivität, manipulativ, voller viriler Energie und doch zutiefst ambivalent, schwankend zwischen unterdrückter Wahrhaftigkeit und theatralischer Anbiederung. Der Roman ist inhaltlich hochkomplex; in ihm kreuzen sich amouröse Abenteuer, mikropolitisches Gezänk, Ränkeschmiedereien, Zerwürfnisse und inszenierte Weltanschauungen. Kein leichter Stoff also. Die erneute Lektüre lohnt aber. Heute mehr denn je. Das ist einer über die Maßen intelligenten, außerordentlich sprachbegabten und -sensiblen Frau zu verdanken: Swetlana Geier (1923-2010). Ihr verdanken wir die vermutlich auf lange Zeit maßgebliche Übersetzung von Dostojewskijs Romanen ins Deutsche - eine überragend sensible, präzise und sorgfältige Übertragung. Und eine ausgesprochen moderne. Geiers Übersetzung entfernt den über die Jahre entstandenen Grauschleier von Dostojewskijs Prosa; Charaktere, Dialoge und Räume erhalten ihre Farbigkeit, ihre Kontur, ihre Tiefenschärfe zurück. Und ihre Melodie. Geier hat die großen Romane Dostojewskijs übertragen; sie ist die "Frau mit den fünf Elefanten". Wer mehr über ihre unglaublich akkurate, kleinteilige, aufmerksame und feinfühlige Arbeit an der russischen und deutschen Sprache erfahren möchte, dem sei die gleichnamige Fernsehdokumentation (auf DVD erhältlich) wärmstens ans Herz gelegt.
"Böse Geister", kein unmittelbar zugänglicher Roman, erscheint in neuem Glanz, in neuer Vitalität: Geier gelingt es, Dostojewskijs Charakterisierungen wieder "zum Sprechen" zu bringen; sie macht den Jargon der Cliquen wieder deutlich und, darauf haben viele Kommentatoren hingewiesen, macht am Roman Dostojewskijs das Literarische, Ästhetische wieder spürbar.