Kurzbewertung: „Den Bäumen beim Wachsen zusehen" bietet weder Laserduelle und Raumschlachten noch große Gefühle und ständigen Nervenkitzel. Gelungen verknüpft stattdessen das Hörbuch eine klassische Detektivgeschichte mit Science-Fiction zu überzeugender, intelligenter Unterhaltung, die von einem etwas unterkühlten, häufig mild spöttischen Grundton geprägt wird.
Oberflächlich betrachtet, ließe sich dieses London des Jahres 1832 für die Vergangenheit halten, wie sie tatsächlich gewesen ist. Aber sehr schnell wird klar, dass „Den Bäumen beim Wachsen zusehen" von Peter F. Hamilton in einer Welt beginnt, die nur zum Teil auf unserer realen Geschichte beruht. In Hamiltons Alternativwelt ist das Römische Imperium nie untergegangen, weitverzweigte Familien haben die Macht, der Vatikan verbietet Geburtenkontrolle. Noch seltener als illegale Verhütung sind Morde. Aber mit einem Mord beginnt alles: Justin Ascham Raleigh, Student der Astronomie, wird tot aufgefunden, ein Messer steckt in seinem Kopf. Natürlich übernimmt die Familie der Raleighs selbst die Ermittlungen. Doch der Fall ist rätselhaft: Es gibt weder ein Motiv noch hat Detektiv Edward Bucahanan Raleigh eine Idee, wie sich der Mord ereignet haben könnte. Unter diesen Umständen erstaunt es nicht, dass die Aufklärung des Verbrechens länger als ein gewöhnliches Leben dauern wird. In dieser Zeit machen die Menschen enorme Fortschritte. Sie besiedeln fremde Planeten, lassen Maschinen für sich arbeiten - und hoffen, durch die Technik der Biononik nahezu ewige Jugend genießen zu können. Trotz dieser enormen Umbrüche zählt für Ermittler Edward B. Raleigh nur eins: Er will den Mörder zur Strecke bringen.
Mit nüchternen Worten lässt der Autor des „Armageddon"-Zyklus eine faszinierende Zukunftsvision entstehen, die mehr als eine beliebige Kulisse darstellt. Gelungen auch der Kontrast zwischen dem England des 19. Jahrhunderts und der Welt von Morgen, die Schauplatz der zweiten Handlungshälfte ist. Egal zu welcher Zeit: Eward Raleigh kommt dem Täter nicht auf halsbrecherischen Verfolgungsjagden näher, sondern mit der Kraft seines Verstandes und der Technik des Verhörs. Die Verhöre werden ruhig und höflich geführt, man ist unter Gentlemen - eine gemächliche Mörderjagd. Da fällt schon die hitzige Diskussion auf, die Edward und die Verdächtige Christine Jayne Lockett, eine Freundin des Opfers, führen. Christine will - im Gegensatz zur Mehrheit - die neuen Techniken nicht als integralen Bestandteil des Lebens zulassen, sondern allenfalls als Sicherheitsnetz. Ganz anders sieht es Bethany Maria Caesar, die Freundin des Ermordeten. Sie treibt die - aus der Nanotechnologie entstandene - Biononik voran, damit der Mensch nichts mehr zu tun braucht als denken, träumen, spielen. Wenn Bethany über den Wert des Schöpferischen spricht, klingt das wie Hamlet im Weltraum: „Wenn unser Leben einen Sinn hat, dann den, zu denken und zu erschaffen. Darin besteht unsere Einzigartigkeit. Ein Nest bauen und Futter sammeln kann jedes vernunftlose Tier." Shakespeare lässt es Hamlet, den grüblerischen Prinzen, so formulieren: „Was ist der Mensch, wenn sein höchstes Gut und der Erlös seiner Zeit nichts als zu schlafen und zu essen ist? Ein Tier, nichts weiter (...)."
Detlef Bierstedt - unter anderem die deutsche Stimme von George Clooney - liest Hamiltons Science-Fiction-Krimi ausgezeichnet. Sein Vortrag wird dem klassischen Krimistil gerecht und lässt dem Hörer die Alternativwelt glaubwürdig erscheinen. Das Hörbuch ist die gekürzte Fassung der gleichnamigen Erzählung, die in der Anthologie „Unendliche Grenzen" enthalten ist (herausgegeben von Peter Crowther, bei Lübbe erschienen).