Dieses Buch ist in mehrfacher Hinsicht bemerkens- und lesenswert. Von dem Gros der Beiträge über Bäume unterscheidet es sich durch einen sehr vielfältig gestalteten Zugang, der sich nicht in der Betrachtung einzelner Arten, der Schilderung persönlicher Baumerlebnisse oder kulturhistorischen Überlegungen allein erschöpft. Diese für die zeitgenössische Literatur über Bäume typischen Ansätze spielen ebenfalls eine Rolle. Helmut Schreier, der Hochschullehrer für Pädagogik an der Universität Hamburg und Autor verschiedener Bücher u. a. über Umwelterziehung ist, schafft es aber wie kein anderer, die verschiedenen Möglichkeiten der Betrachtung und Reflexion des Baumthemas miteinander zu kombinieren. Die Bedeutung der Bäume blitzt dabei in allen erdenklichen Lebensbereichen auf und lässt Verbindungen zu Philosophie, Wissenschaft, Religion, Kunst und Alltagsästhetik erkennen. Zwei Dinge fallen bei der Lektüre vor allem auf: Die sehr enge Beziehung des weit gereisten Autors zu den Bäumen der Erde, eine ausgereifte Lebenserfahrung, und ein hohes intellektuelles Auflösungsvermögen. Letzteres könnte vielleicht dem einen oder anderen Leser zum Verhängnis werden, jedenfalls wenn er in einem Buch über Bäume weit greifende Überlegungen und Interpretationen zu Baumrelevanzen im Leben und Werk bekannter Philosophen wie Martin Buber oder Walter Benjamin eher nicht erwartet. Schreier ist aber sehr geschickt darin, auch solche eher wissenschaftlich anmutenden Betrachtungen mit Schilderungen (auto-)biografischer Erlebnissen zu vermischen und damit auch ein Stück weit zugänglicher zu machen. So gewinnt man in so unterschiedlichen, in sich wiederum vielfältig aufgegliederten Themenabschnitten wie "Zwei Begegnungen mit Bäumen", "Ein Nussbaumblatt", "Religiöse Ansichten von Bäumen" oder "Vom Nutzen der Bäume" immer wieder neue, überraschende Einsichten in die Universalität des Baums und seiner Bedeutungen für das Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Schreiers Ansatz ist gerade deshalb bestechend, da er nicht versucht, den großen einheitlichen Bogen zu spannen, die universal gültige These zum Baum-Mensch-Verhältnis zu formulieren. Er präsentiert sich in den Texten eher als ein Forschender, der sich dem so komplexen Sujet anzunähern sucht, indem er möglichst viele "Baum-Assoziationen" entwickelt und ausführlich reflektiert. Der Leser profitiert dabei in vielerlei Hinsicht: Er aktualisiert Vertrautes und entdeckt Neues, das er selbst aus einschlägiger Baumliteratur so noch nicht kennt. Und er findet zahlreiche Anknüpfungspunkte, von denen aus er sein eigenes Erleben der Bäume weiterentwickeln kann. Bei den "Streifzügen durch eine unbekannte Welt" wird er die Bäume als allgegenwärtig und das Leben bestimmend wahrnehmen. Und er wird besser verstehen, warum die Bäume über die konkrete Erfahrungssituation hinaus immer schon eine so große Rolle in philosophischen, wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen Welten gespielt haben.