HipHop ist eine fremde, bizarre Welt. Eine Welt der tausend Codes, in der Menschen merkwürdige Rituale pflegen und sich ihre Helden selbst machen. Vieles wirkt verschlossen, manches scheint brutal und alles umgibt eine unwirkliche Aura von Übertreibung. Die Wahrheit erschließt sich nur mit der eigenen Teilnahme. Darum wird es einem Aussenstehenden wahrscheinlich nie möglich sein, eine hoch ausdifferenzierte Kultur wie HipHop vollständig zu begreifen.
Um AZAD zu verstehen, bedarf es hingegen wenig. Er ist ein Mann der klaren Worte. In seiner Kunst gibt es keinen Platz für Hinterlist, Doppeldeutigkeit oder Heimlichtuerei. Es ist nicht weiter kompliziert, ihm zu folgen - man muss es nur wollen. Wir sind dazu aufgefordert, einen klaren Blick auf seine und auf unsere Realität zu riskieren. Die Erkenntnis, dass es sich dabei um ein und dieselbe Realität handelt, kann zwar manchmal etwas schmerzen, das ist aber nicht seine Schuld. Das ist AZAD; so real, dass er wehtut.
Genau genommen ist es nicht Azad sondern es sind die Geschichten und die Schicksale, die so wahr sind, dass sie manchmal zwangsläufig weh tun müssen. Weil dabei weder sozial-pädagogisch wertvolle Zwangs-Betroffenheit noch dunkelromantischer Kitsch herrscht, wird aus der Geschichtsschreibung von unten die grosse Kunst des Straßen Raps. Die Intensität seiner Bilder und die Kraft seiner Worte haben AZAD darüber hinaus den Ruf eines Dichterfürsten der Gosse eingebracht. So einen wie ihn hat Oscar Wilde wohl gemeint, als er schrieb: "Wir liegen alle in der Gosse, aber einige von uns greifen nach den Sternen!"
AZAD hat im HipHop nahezu alles erreicht, was zu erreichen ist. Mit seinem Song "Ich Glaub An Dich" (Titelsong der Serie Prison Break) konnte er als erster deutscher Rapper bis an die Spitze der Media-Control-Single-Charts vordringen. Die Single ging auf Platz 1, verkaufte sich allein in Deutschland über 150.000 Mal und erreichte schließlich Goldstatus. Also hat sich der Frankfurter Poet neue Ziele gesteckt: "Ich will am Ende auch Grenzen überschreiten. Es gibt noch viele Sachen, die ich erreichen will. Noch überrasche ich mich selbst. So etwas wie den Remix für Rammstein oder die Zusammenarbeit mit Joy Denalane, Adel Tawil & Gentleman, das sind für mich neue Welten, in denen ich meine Kunst neu entdecke - für mich kennt ein echter Künstler keine Grenzen, Kunst sollte immer frei sein." Und frei heisst auf kurdisch: Azad. Übrigens sein bürgerlicher Name.
Einem modernen Mythos zufolge, hat AZAD schon als Zehnjähriger Berührung mit der HipHop-Kultur - zunächst mit Breakdance. In der Folge ist er in nahezu allen Disziplinen aktiv, verdient sich aber schliesslich als Mitglied der Asiatic Warriors Ende der Achtziger grössten Respekt als Rapper. Nach den beiden Maxis "Napalm" und "Gegen den Strom" erscheint 2001 sein Debütalbum "Leben" auf dem Frankfurter Label 3p. Seit dem hat es AZAD inklusive der Nachfolgern "Faust des Nordwestens" ('03), "Der Bozz" ('04), "Game Over" ('06) und "Blockschrift" (07) auf insgesamt fünf Solo-Alben gebracht; hinzukommen zahlreiche Kollaborationen mit deutschen Ausnahme-Talenten, besondere Beachtung verdient dabei sein Album mit Kool Savas, "One" ('05).
Längst hat AZAD 3p verlassen und sein eigenes Label Bozz-Music gegründet. Grosse Dinge zeichnen sich ab. Nicht zuletzt der überwältigende Erfolg von "Ich Glaub An Dich" sorgt bereits für einen erheblichen Erwartungsdruck. Hinzu kommt eine Heerschar von loyalen Fans mit ebenso vielen Wunschbildern. Doch AZAD wäre nicht AZAD, wenn er sich davon irritieren liesse. Das alles stört ihn wenig, denn: "Der Druck, den ich mir selber mache, ist ein vielfaches von dem, was mir eine Million Fans machen können. Wenn ich nicht zufrieden bin, dann bin ich auf jeden Fall sehr, sehr unglücklich - viel unglücklicher als wenn meine Fans nicht zufrieden sind."
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