Zuerst eine Warnung: Mit diesem Roman kann nur etwas anfangen, wer den Vorläufer-Band "Spin" gelesen hat. Andererseits werden auch diejenigen Leser ziemlich enttäuscht werden, die auf eine Fortsetzung von gleicher Qualität hoffen.
Die Handlung setzt wenige Jahrzehnte nach dem Ende des Spins bzw. der Errichtung des Portals zu jenem Planeten ein, der die ganze Zeit schlicht "Die neue Welt" genannt wird. Von kurzen Rückblenden einmal abgesehen, spielt der Roman auch nur dort. Tyler Dupre - Hauptperson und Ich-Erzähler aus "Spin" - ist schon vor einiger Zeit verstorben. Seine Witwe Diane Dupre spielt immerhin noch eine wichtige Nebenrolle.
Die Handlung hat mit der Verlagsankündigung am Anfang dieser Amazon-Seite nur wenig zu tun. Es bricht keine Expedition zur Erkundung des "Welten-Netzwerks" auf - ganz abgesehen davon, dass es sich vielmehr um eine lineare Aneinanderreihung von Welten handelt (wobei die Erde Startpunkt bzw. Sackgasse ist), wobei die betreffenden Planeten zunehmend unwirtlicher werden. Im Vordergrund stehen vielmehr "die Vierten" - Menschen, die durch eine vom Mars importierte Biotechnologie ein viertes Lebensalter (nach Kindheit, Jugend und Erwachsensein) erworben haben, wodurch sie nicht nur einige Jahrzehnte länger leben, sondern auch in ihrem Wesen in Richtung friedlich und rational verwandelt werden. Die irdischen Behörden befürchten allerdings eine Gefährdung des irdischen Genoms aufgrund der genetischen Veränderungen, die mit der Behandlung einher gehen. Obwohl "Vierte" nicht mehr zeugungsfähig sind, werden sie daher gnadenlos verfolgt.
Handlungsträger sind jetzt Lise Adams, die in der "Neuen Welt" nach ihrem verschollenen Vater sucht, sowie Turk Findley, ein Pilot der ihr dabei hilft. Sie selbst sind zwar keine "Vierten", bekommen jedoch immer mehr mit diesen zu tun und handeln sich daher Ärger mit den Verfolgungsbehörden ein, was schlielich in eine Flucht quer durch die Neue Welt ausartet. Dabei lernen sie auch ein Kind kennen, das mit Hilfe der marsianischen Vierten-Technologie so manipuliert wurde, dass es mit den "Hypothetischen" - jenen Schöpfern von Spin und Weltentoren - Kontakt aufnehmen kann.
Der Roman ist zu keiner Zeit so intensiv und mitreißend wie sein Vorläufer. Gegen Ende erfährt man - fast glaubt man nicht mehr daran - sehr viel über das Wesen der "Hypothetischen". Das ist nicht sehr spannend, aber immerhin recht überzeugend. Zwar weiß man immer noch nichts über die Gründe für den Spin und die Weltentore, aber man kann jetzt treffsicherer darüber spekulieren. Wenigstens ist Wilson zugute zu halten, dass er im Zuge der Handlung das menschliche Maß nie aus dem Auge verliert. Das verdient durchaus Anerkennung und - sagen wir mal - insgesamt drei Sterne in der Bewertung.
Wird Wilson noch einen weiteren Roman schreiben, der im Spin-Universum spielt? Das erscheint ziemlich unwahrscheinlich, denn es überwiegt der Eindruck, dass er sein Pulver restlos verschossen hat.