Auch wenn man langsam müde wird von immer neuen Wiederveröffentlichungen der großen Namen. Für alte Stammhörer fällt selten ein Mehrwert ab, aber vielleicht muss es für die Nachgeborenen immer wieder so sein, dass eigentlich zeitlose Produkte ständig ein Update bekommen...
Hier trifft es sich gut, weil ich gerade in der Stimmung war, diesen Meilenstein aus meiner Sicht zu beschreiben. Und das Artwork finde ich schon mal amtlich, im alten "Yameta" Design, welches mir immer am besten gefallen hat (wie auch bei der "Are you experienced?"). Inhaltlich gibt es auf der Audioseite nichts neues, lediglich eine kurze DVD mit "Making of" Material wurde dazugepackt. Diese braucht man sicherlich nicht zwingend, aber ich will es mal so sagen: Da der preisliche Unterschied zur regulären Ausgabe fast gleich Null ist, kann man auch zu dem Deluxe Set greifen; macht dann auch keinen großen Unterschied mehr.
Wichtiger - Die Musik
Axis verdeutlicht sehr präzise diese kreative Reibung zwischen Jimi's amerikanischem Background und seiner persönlichen Lebenserfahrung. Und die klatscht hier quasi formvollendet auf den Geist der Londoner Swinging Sixties.
Und genau so klingt das Ganze dann auch. Das macht es ein bißchen schwierig, sofort in diese Klangwelt hineinzufinden und hierher rührt meiner Meinung auch die Tatsache, dass man mit Hendrix Dinge wie Schludrigkeit und Unpräzision assoziiert. Das Problem hatte ich früher auch. Aber irgendwann ging mir auf, was wirklich hinter der Musik und Vision dieses Künstlers steckt.
Ich meine Sting oder Gil Evans, Stevie Ray Vaughan oder Uli Jon Roth und tausend andere Künstler mehr! Was hätten sie wohl für ein Interesse an einem geheuchelten Kult? Warum sollten sie alle haltlose Fantasten sein, die etwas in diese Musik hineininterpretieren, was gar nicht vorhanden ist... Nein, in Jimi's Musik war alles enthalten; sowohl das Visionäre als auch das Zeitlose.
In seinem "Little Wing" kommt er selbst knapp über 2 Minuten und noch heute inspirieren diese unsterblichen Feinheiten und Melodien darin ganze Generationen von Künstlern. Diese Einfälle waren unsterblich, auch wenn sie im Ursprung bescheiden wirkten. Und davon gibt es auf "Axis" eine Menge. Einige Songs sind so krankhaft kurz und trotzdem passiert darin mehr sinnvolles, als in so mancher 10-Minuten Nummer anderer Musiker. Auch seine völlig freie Art, mit der er Akkordstrukturen aus dem Ärmel schüttelte und seine Klangwelt mit allen möglichen Effektgeräten anreicherte, die der Markt damals hergab. Er ging bis ans Äußerste und hat das letzte aus allem herausgeholt.
Alle großen Künstler, die ihn damals live erlebt haben, sprechen bis heute mit höchstem Respekt von ihm. Und alle mussten, damals, nach seinem Comedown, umdenken und waren diesen akustischen Statements ausgeliefert. Man konnte seinem Einfluß nicht entkommen, als Musiker. Niemand!
Und auch als "Hörer" nicht. "Axis" beginnt ein bißchen verstiegen und schon fast zu cool ("Up from the Skies"), aber dann jagt wirklich ein Kracher den Nächsten. Sowohl musikalisch als auch auf Seite der Einfälle und Details. Das Album reißt von vorne bis hinten mit und auch die Grooves von Mitch Mitchell haben daran einen massiven Anteil. So einen coolen Swing hat man im Rock nicht oft gehört!
Und wie schon oben erwähnt - die Reibung aus britischer Sixties Sophistication und Hendrix' urbanem City Voodoo ist manchmal schon auch kantig und gnadenlos, aber trotz seelischer Untiefen war Jimi auch ein brillianter und sensibler Lyriker. Das sollte man nicht mit allzu naiver Hippieseligkeit verwechseln.
Viel Freude mit diesem Meisterwerk!
(auch wenn der Zugang seine Zeit beanspruchen sollte - bitte dran bleiben ;-))
Und: Laut hören!
LG