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Awelum
 
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Awelum [Gebundene Ausgabe]

Otar Tschiladse


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Neue Zürcher Zeitung

Fremdes Georgien

Otar Tschiladses Roman «Awelum»

Eigentlich wäre die Idee gut gewesen: Der georgische Autor Otar Tschiladse (geboren 1933) unternimmt in seinem fünften Roman, «Awelum», den Versuch, die prekäre geistige Identität seiner Heimat in eine verwickelte Liebesgeschichte einzuschreiben. Im Zentrum des Romans steht der Schriftsteller Awelum – ein Mann, dessen Lieben und Denken gleichermassen impressionistisch geprägt sind. Awelums erotische Leidenschaft gilt einer Pariser Slawistin, die in Frankreich ein Kind von ihm zur Welt bringt; in Moskau macht er jeweils bei seiner langjährigen Geliebten Zwischenhalt; immer wieder aber kehrt er zu Frau und Tochter nach Tbilissi zurück.

Der Roman verwebt Awelums Biographie geschickt mit der georgischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das ist keine einfache Aufgabe: Tschiladses historisches Material erweist sich als höchst heterogen. Eine über zweihundert Jahre währende russische Fremdherrschaft, die gewaltsame Sowjetisierung und schliesslich die junge Unabhängigkeit bilden in Georgien ein widersprüchliches Erbe, aus dem ein eigenes nationales Selbstbewusstsein erst noch gewonnen werden muss. Zwei Daten, die auch in Tschiladses Roman eine wichtige Rolle spielen, stechen dabei besonders heraus: Am 5. März 1956 kam es ausgerechnet in Tbilissi, wo der Terror des Georgiers Stalin besonders gewütet hatte, zu Protesten gegen Chruschtschews Entstalinisierungspolitik, die mit massivem Truppeneinsatz unterdrückt wurden. Fast dasselbe Szenario wiederholte sich am 9. April 1989, als sowjetische Fallschirmjäger und Einheiten des Innenministeriums eine friedliche Demonstration mit brutaler Waffengewalt auflösten. In beiden Fällen endete das öffentliche – in seiner Ethik durchaus auch ambivalente – Beharren auf dem Eigenen in einem blutigen Fiasko, das wenig Hoffnung auf eine nationale Wiedergeburt zuliess.

Awelums Liebesaffären zeichnen sich durch eine Gemeinsamkeit aus: Sie verfügen über keinen deutlichen Anfang, sondern fallen dem sensiblen Träumer einfach zu. Sogar nach Jahren des Zusammenseins sind noch keine festen Konturen im Verhältnis der Liebenden auszumachen: Das Vorläufige behauptet sich hartnäckig gegenüber der Dauer. Die Geschichte von Awelums Liebe ist deshalb immer auch die Geschichte ihres Scheiterns – und hier gewinnt der Roman eine symbolische Aussage: Der Westen bleibt dem Georgier ebenso fremd wie das nachbarliche Russland, aber auch in der Heimat lauern letztlich nur Schrecken und Tod.

Tschiladse gelingt mit seiner melancholischen Codierung des Nationalen im Privaten ein überzeugender literarischer Entwurf. Auch beherrscht er alle Register des modernen Erzählens: Verfahren des magischen Realismus (Gabriel García Márquez) sind ihm ebenso vertraut wie die Metaphorisierung einer ganzen Epoche (Thomas Mann) oder die Technik des stream of consciousness (James Joyce). Wenn Tschiladse aber mit seinem Roman trotz interessanter Grundkonzeption und unbestrittener künstlerischer Meisterschaft scheitert, so liegt dies an seiner ungezügelten, beinahe orientalischen Geschwätzigkeit, die viele scharf formulierte Szenen in einer belanglosen Wortsuada untergehen lässt. Damit vergibt sich Tschiladse eine literaturhistorische Chance: Auf die Hälfte gekürzt hätte dieser fünfhundert Seiten starke Roman vielleicht zum gültigen Dokument der georgischen Befindlichkeit der neunziger Jahre avancieren können.

Ulrich M. Schmid

Kurzbeschreibung

Otar Tschiladse, Dichter, Philosoph und Geschichtenerzähler, hat einen großen Roman über die Liebe, die Freiheit und die Reise der Seele durch das Jahrhundert geschrieben. Sein Held Awelum, Schriftsteller aus Tiflis, stemmt sich ein Leben lang gegen Demütigung und Verängstigung, und er gibt dabei acht, die hauchzarten Verwurzelungen seiner Herkunft nicht zu verletzen. Wie lange wird das Seil halten, auf dem er mit Francoise, seiner französischen Geliebten, zwischen den Welten balanciert? Tschiladses ergreifende Liebesgeschichte ist die von Menschen zwischen Hoffnung und Ungewißheit, eingefügt in den Umbruch der Zeiten, in die Nahtstelle zwischen Untergang und Neubeginn.

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