In "Awakenings" beschreibt Sacks über Jahrzehnte hinweg das Schicksal von Patienten, die an Enzephalitis Lethargica (Schlafkrankheit) erkrankt sind. Dabei konzentriert sich das Buch auf eine Sammlung von 20 Fallgeschichten, aber es gibt auch eine Vielzahl von Kapiteln, die sich um diese Krankheit, die Patienten und die Rezeption des Buchs selbst entwickelt haben.
Die im Zentrum des Buchs stehenden Fallstudien sind ergreifend und dramatisch; Sacks ist ein Meister dieses Genres und knüpft literarisch an die großartigen Fallstudien von Sigmund Freud an. "Awakenings" wird jedoch noch interessanter und vielschichtiger, wenn man sich die Rolle des Autors selbst in diesem Buch und seinen darin geschriebenen Geschichten kritisch vergegenwärtigt.
In den 60ern übernimmt Sacks eine Gruppe von Patienten, die an einer ungewöhnlichen Form der Schlafkrankheit leiden. In der Aufbruchstimmung der End-60er mit ihrem Glauben an pharmazeutische Beherrschbarkeit von mentalen Erkrankungen setzt der junge Arzt L-Dopa ein, um seine Patienten aus ihrem Dämmerzustand zu erwecken. Erst gelingt dies auf spektakuläre Weise. Doch nach einiger Zeit ist die Wirkung der Droge nicht mehr kontrollierbar, und die Patienten überreagieren z.T. dramatisch. Doch selbst nach Absetzen der Droge finden die Patienten nicht mehr zu ihrem früheren, quasi katatonischen Zustand zurück. Die meisten der Patienten geraten in eine Jahre währende, nach unten gerichtete Spirale, die nur durch ihren Tod beendet wird. Sacks selbst wird von seinen Patienten erst als erlösende Heilsgestalt gesehen, doch als die Therapie mit L-Dopa unkontrollierbar wird und ins Negative umschlägt, gerät Sacks in die Rolle des Zauberlehrlings, der nicht mehr Herr der Lage ist.
Sacks' Kontrollverlust während der Therapie ist das heimlich pochende Herz dieser Fallstudiensammlung. Aus seinem Scheitern und seinen Schuldgefühlen heraus schreibt er über Jahre immer wieder an seinen Fällen weiter, um zumindest in der Autorschaft dieser Textsammlung die Kontrolle über seine Patienten zu erhalten - fiktionale Kontrolle ersetzt die real medizinische. Erst als sich Sacks in den 90er Jahren mit Chaosforschung und nicht-linearen, chaotisch-dynamischen Systemen beschäftigt, kann er die unkontrollierbaren Verhaltensweisen seiner Patienten erklären, die diese seit L-Dopa gezeigt haben. Der Arzt kann sich von den tragischen Konsequenzen seines einst naiv-linearen pharmazeutisch-medizinischen Denkens exkulpieren. Seine Arbeit zu Chaosforschung stellt einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dar - doch dieser Erkenntnisgewinn wurde mit dem Schicksal und dem Tod von Patienten bezahlt.
5 Sterne für ein Buch, das vielleicht vielschichtiger ist, als sein Autor es beabsichtigte.
PS: Wer sich für eine gute Interpretation von "Awakenings" interessiert, dem sei "Science, Gender, Text" von Steffi Habermeier empfohlen.