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4.0 von 5 Sternen
Zur Überbrückung der Kreativpause - Harald Schmidt Recycled, 15. Mai 2004
Rezension bezieht sich auf: Avenue Montaigne. Roman tres noveau (Taschenbuch)
In handlichen 8 Kapiteln werden die zwei-seitigen Texte präsentiert, mit bedeutungsschwangeren Worten eingeleitet und dem Leser zur Freude überlassen. Die Reihenfolge ist eigentlich nicht so wichtig, denn wie er selbst schreibt, "kann man im Rahmen des Action Readings das epochale Kapitel über die Zukunft Europas rausreißen und hinten einkleben." Schließlich ändere das ja nichts "an der herzergreifenden Vision eines freien, geeinten Europas".
"Avenue Montaigne" beglückt den Leser auch mit drei Vorworten (hat er sich nicht entscheiden können) und lässt durch die Kolumnen wesentliche, bedeutende, denkwürdige Augenblicke noch einmal vor dem inneren Auge aufleuchten. Leider wird nicht immer jede Anspielung, jeder Seitenhieb, jede kleine Bissigkeit deutlich und klar, denn die Kolumnen sind nicht mit ihrem ursprünglichen Datum versehen. So muss der Leser, anstatt sich ausschließlich auf eine brilliante Sprache zu konzentrieren, den Kontext nach Anhaltspunkten absuchen, die ihm ein Verständnis der Kolumne möglich machen.
Natürlich ist Harald Schmidt auch nur ein Mensch und so sind manche Kolumnen pfiffiger, manche eher flach. Trotzdem ist "Avenue Montaigne" ein heiterer Lesespass für zwischendurch. Als Romanersatz keineswegs geeignet.
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18 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Junge, komm bald wieder..., 18. Juni 2004
Rezension bezieht sich auf: Avenue Montaigne. Roman tres noveau (Taschenbuch)
Ja, er fehlt uns. Wir, die wir seine Jünger waren und Tag für Tag seinen Worten lauschten, haben eine kalte Leere in unserem Leben entdecken müssen, als Harald Schmidt in seine Kreativpause ging. Aber Moment...
Kreativpause? Nein -- eigentlich nicht wirklich. Er ist weiter kreativ. Das dürfen wir Woche für Woche im FOCUS erleben. Schmidt lebt in seiner Kolumne weiter -- und das freut uns. Außerdem freut uns, daß der Verlag Kiepenheuer & Witsch auch weiterhin seine Beiträge in Sammelbänden auflegt.
"Avenue Montaigne", ein Roman très nouveau, ist der neueste Band mit FOCUS-Kolumnen. Auf 199 Seiten erklärt uns Schmidt seine Welt -- unterteilt in anderthalbseitige Abhandlungen ausgewählter Themen. Die betreffen sowohl Alltagssituationen, als auch Weltpolitik...
Das ist natürlich nicht mit der Harald-Schmidt-Show zu vergleichen -- aber Schmidt schafft es gekonnt, seine Spontanität und seinen Humor in das Medium der geschriebenen Sprache zu transponieren.
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4.0 von 5 Sternen
Unser Harald, mein Schmidt, 7. Mai 2009
Übereinandergeworfene Bücher in einem Supermarkt. Lieblos. An denen Menschen vorbeigehen. Achtlos. Was rutscht denn da den Hügel runter? Moment, Harald Schmidt? Der sympathische "Zyniker und Menschenverächter" von der Mattscheibe? Ja, meine Damen und Herren! Denke spontan: Die Kolumnen sind ja nicht ganz so marode wie das Fernsehzeug. Zu pauschal? Ich entschuldige mich für diese Schluderigkeit. Der Buchtitel verspricht immerhin höchstes literarisches Niveau.
Sein verkehrtrum aufgehängter (bisher verheimlichter) Zwillingsbruder auf dem Cover soll signalisieren: Doppelpack (also zwei Bücher in einem). Sind wir doch mal ehrlich schmidteinander: Ist doch'n Fototrick, oder? Die Arme päpstlich ausgebreitet: Seid umschlungen Millionen! Da grölen doch gleich die Nörgelfritzen im Chor: Der meint doch Euros ! Zugegeben, da wird viel herumgerechnet mit siebentausendzwohundertvierundneunzig komma irgendwas, aber immerhin hat das Buch historische Dimensionen, wo die D-Mark noch drin vorkommt. Die musste ja weg, die D-Mark. Zeitung gekauft, Zehner gegeben - stimmt so.
Andererseits fragt man sich schon, ob ein Kabarettist noch andere Hobbys hat, als seinen Zaster richtig anzulegen und zu gucken, wo der gute alte Dax ist: "Habe Verluste realisiert, was das Zeug hält. Aber irgendwann kracht SAP wieder runter. Müsste mit dem Deibel zugehen, wenn Telekom in diesem Jahr nicht wie irre nach oben knallt". Der gläubige Katholik und Gutverdiener beobachtet also die Börse! Weiß das der Vatikan?
Der Anarchist aus Nürtingen, der mit Bart und langen Haaren glatt bei Sloterdijk im "Philosophischen Quartett" durchgehen würde, decodiert die Welt in ozeanischer Tiefe. Da halte ich es ausnahmsweise mal mit Gysi: Meine Bewunderung ist grenzenlos.
Die mediale Heuchelei-Entlarvung scheint sein Ansatz zu sein (Jeden Tag muss eine andere Wutz durchs Dorf gejagt werden). Er arbeitet mit den Reizworten der Zeit, und die haben im Gegensatz zu den satirischen Klischees ein schnelles Verfallsdatum. Da findet man grundsympathische Überschriften wie: Unser China...Unsere Amis...Meine Bahn...Mein 68...Mein Krieg...Club Deutschland...Optimissimo...Die Brezel...Nix Latte macchiato!...Die Wurstmaschine...Stoppersocken...Katholisch...Alles Müller?...Wolfgang (Moment, bin ich gemeint? Will er mir den Schlaumeier-Stempel verpassen? Nee. Das ist ein anderes Genie)...Ran, Kanzler !...Die Ölwahrheit...Hexenschuss...Migräne-Stopper...Buchhändlerinnen...Mogul...Impotent.
Deutschland taumelt. Seit die Skorpions mit Wind of Change den Ostblock weggepfiffen haben, lassen wir uns das Jammern nicht verbieten! Besonders nicht die Ossis: Nüscht wie belochen und betrochen. Zum Kotzen, diese Weinerlichkeit, meint Altkanzler Schmidt unverblümt. Normalerweise sind wir in Sachen Panik vorn dabei, wenn uns mal wieder der Weltuntergang angeboten wird.
Politik?
Bei Kohl (hieß das noch Bollidick, Bubbligum oder Waggelbutting - Anm. d. R.) jedenfalls war Deutschland eine riesige Pfalz.
Mit deutschen Wahlen ist es so wie mit dem deutschen Film: Schön, dass es sie gibt, aber schöner wärs, wenn man auch hinginge.
Wir haben Bedarf an Schildern und Gedenktafeln: Hier wohnte Gerhard Schröder im Juli 2003. Der hats gut, der Schröder. Wird ihm der Stress zu viel, macht er, ich sach ma, 'n paar Tage rüber nach China. Ja, wir lernen von China. Mal ehrlich: Musste dort je ein Partei- oder Regierungschef mit Rücktritt drohen?
Finanzen?
Seite 309 lesen wir eine persönliche Erfahrung mit dem moralisch entfremdeten Bankwesen.
Wirtschaft?
Natürlich ist ein Scheich in erster Linie Ausländer, den vermutlich für uns unvorstellbare gesellschaftliche Zwänge zwingen, frühkindliche Traumata am Ölpreis auszutoben. Wir können ja nicht die Wirtschaft runterfahren, nur damit das Benzin billig wird.
Reisen?
Irre was erlebt. In einem Spitzenhotel ist der Bademantel sehr flauschig und hat die Größe einer mittleren Sozialwohnung. Sagt doch der erziehungsberechtigte Herr S. zu seinem kleinen Frühstücks-Verweigerer: Papi muss ganz viel Leute beleidigen, damit wir in so einem schönen Hotel Urlaub machen können.
Partner und Familie?
Taxifahrer-Witz: Was sucht 'ne Blondine im Ketchup? - Den Heinz. Damit unser schöner Sozialstaat auch weiterhin brummt, brauchts im Schnitt 3,8 Kinder pro Familie.
Gesundheit und Psyche?
Chopin (Lungen), Heine (Rückenmark), Nietzsche (Syphilis), Beethoven (taub), Bach (evangelisch).
Lebensphilosophie?
Das meiste Unglück in der Welt entsteht nur, weil die Menschen nicht ruhig auf ihrem Stuhl sitzen bleiben.
Kultur?
Ist absolut nicht mehrheitsfähig. In der ARD eingestellt, im ZDF (Anm.: spätestens nach Elke Heidenreich) verboten und bei den Privaten ein Entlassungsgrund. Die deutsche Leitkultur ist seit Jahrzehnten amerikanisch. Zwar hatte auch Nürtingen seinen Dylan mit Strubbelwolle. Aber eigentlich hieß der Hartmut und ging überraschenderweise zum Bund.
Literatur?
H.S empfielt ein Bildungsbuch. Sie dürfen raten: "Errata. Bilanz eines Lebens" von George Steiner. Weil man das Gymnasium so ahnungslos verlassen hat.
Medien?
Im TV-Karneval, da geht die Lucy richtig ab. Je provinzieller, desto besser. Tiefste Pfalz und höchstes Sauerland. Das Weltbild scheint sich seit den 50ern nicht mehr drastisch gewandelt zu haben. Der Mann geht in die Kneipe, und die Frau wartet zuhause mit dem Nudelholz. Tata! Da fällt einem doch die Satellitenschüssel zusammen. Kein Bild mehr. Morgen muss der Fernsehfritze kommen.
Comedy?
Comedy-Schulen schießen aus dem Boden mit Wochenendkursen bei Gescheiterten. Auf die Bühne schaffen es nur die wirklich Getriebenen. Wobei derzeit geradezu würdelos auch hirntote Organismen am Witzeleben gehalten werden. Es ist eine Zukunftsbranche. Gehen Sie auf die Bühne! Werden Sie lustig! Auf gehts!
Anm. d. R.:
Man muss wohl einiges durchgemacht haben bis man unter dem Applaus eines zuvor aufgeheizten Publikums etwas strorchig in eine große Halle schreitet und sagt: "Häääzlich willkommen..." - Pause - "...zooooo...", und jetzt fährt die Kamera auf das aufgesetzte, aber nicht unsympathische Grinsen des Moderators, der seinen Satz vollendet mit "...Verstehen Sie Spaß?", wobei die Technik gleichzeitig wieder zum übermotivierten Publikum durchblendet.
Wenn das Wahrzeichen des Deutschen Fernsehens pausiert, fange ich an, dieses amerikanische Nimms-Leicht und bestimmte Gesten zu vermissen. Wenn er seine Hand vors Gesicht hält, könnte man ganz kurz leicht hochschrecken und denken: Migräne? Scham vor einem geschmacklosen Gag? Aber nein! Er hat sich nur die Brille zurechtgerückt. Unter uns: Was wäre H.S ohne diese Geste? Vor allem wenn er vergisst, seine Pianistenhand jetzt neben seinem allseits bekannten Kopf herunter zu nehmen, und sie dann mit der anderen zu Hilfe kommenden Hand am Arm herunterzieht.
PS: Wenn H.S wirklich ein Zyniker und Menschenverächter wäre, würde er ja sagen:
Herzlos unwillkommen, meine sehr verachteten Damen und Herren.
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