Es hat den Anschein, dass auf dem Buchrücken jedes fünften Belletristik-Titel Frau Heidenreich ihre dringendste Empfehlung weiter gibt. Man muss nicht davon ausgehen, dass Andreas Platthaus (FAZ), der wohl einzige ernstzunehmende Kritiker für Comic-Kunst und Graphic Novels in Deutschland, in ähnlicher Weise inflationär mit Lobhudeleien umgeht. Aber "Autoroute du Soleil" als "die beste Bildergeschichte der neunziger Jahre" zu bezeichnen, ist schon ein starkes Stück. Das nehme ich ihm nicht ab. Diese 430 Seiten sind größtenteils pubertär-juveniler Unfug, sofern man mit der Erwartung antritt, es handele sich um eine Geschichte mit politischem Understatement. Mit der intensiven, absolut beeindruckenden Schwarz-Weiß-Malerei Barus kontrastiert eine Erzählweise, die wahrscheinlich am ehesten noch 14-jährige Jungs anspricht. Die werden es richtig doll finden, dass die jüngeren Frauen darin gerne oben ohne am Strand Ball spielen (und nicht ganz zufällig sind sie grooßartig "ausgestattet"). Ebenfalls Beifall finden wird die virtuose Leserführung in den zahlreichen Action-Sequenzen - hier ist das Buch Mangas wie "Akira" ebenbürtig. Ja, es geht um Rechtsradikale, um Spinner erster Güte mit dem Verstand einer Kartoffel, die Karim und Alexandre quer durchs Land jagen - was weniger mit Politik als mit blinder Eifersucht zu tun hat. Karim ist der Frauenvernascher, Alexandre der Milchbubi, der durch die gemeinsame Reise an Selbstvertrauen gewinnt. Wie sie den Glatzköpfen immer wieder entwischen, ist sehr spannend inszeniert, manchmal habe ich nahezu atemlos die Seiten umgeblättert, so schnell waren meine Finger gar nicht, wie es hätte sein müssen. Doch wiederholt wurde mein Enthusiasmus gebremst: Die Dialoge sind eher platt, die Charakterisierungen der Figuren nicht komplexer als bei "Jeremiah" von Herrmann (ich wollte erst "Donald Duck" schreiben). Baru liebt die Drastik, und das kann er gut. Doch erwachsene Leser wird er nicht als Bewunderer gewinnen können, zumindest nicht mich. Kommen wir aber wieder zu etwas Erfreulichem: Die Grafik ist wunderbar. Die Hintergründe, also Gebäude, aber auch Autos, sind im realistischen Stil gezeichnet, während die Menschen ein wenig karikaturenhaft daher kommen. Die Bildsprache: Ausgezeichnet! Diese Zuspitzungen, die Auflösung weniger wichtiger Sekunden (gemeint sind immer Höhepunkte der Verfolgungsjagden) auf mehrere Panels und Seiten: Da kann man nur staunen! Die auffällig oft verwendeten Zutaten "Sex" und "Dumme Sprüche" gingen mir jedoch gehörig auf die Nerven. Wenn ein Kapitel "Leck mich am..." heißt, und ein anderes "Dicke ******", dann ist damit schon alles gesagt. Für Jungs empfehle ich es aber! Studenten und angehende Gerontokraten: Muss nicht sein!