Das Büchlein beinhaltet drei Aufsätze, die zurückgehen auf drei Vorlesungen, die Peter Brown 1993 in Cambridge gehalten hat. In diesen Aufsätzen nimmt der Autor exemplarisch Aspekte der Christianisierung des röm. Reichs seit Konstantin heraus und erläutert einige nicht unwesentliche Charakteristika des Phänomens.
Die Christianisierung, so wie sie in den christlichen Quellen des 4. u.5. Jhts dargestellt wird, ist keinesfalls ein einheitlicher oder gar geplanter Siegesprozess des Christentums. Vielmehr bleiben gerade im Alltagshandeln vieler Menschen der Spätantike pagane Rituale und Symbole erhalten. So muss auch der Kirchenvater Augustinus um die Jahrhundertwende von 4. zum 5. Jh resigniert feststellen - und das gilt auch für das Mittelalter - , dass - trotz aller Versuche, den ganzen Kosmos zu "verchristlichen", die heidnische Antike im kollektiven Gedächtnis der nun christlich geprägten Welt im Westen erhalten bleibt. Brown konstatiert daher, dass, sofern man von Christianisierung spricht, nur ein äußerst langsamer Prozess gemeint sein kann. Bei diesem handelt es sich vor allem um einen fortlaufenden Einstellungswandel der Menschen, der begünstigt wird durch gebildete christliche Laien, Predigten, christl. Asketen und das ein Herrschaftsmodell, das den römischen Kaiser und den Staat im christlichen Kosmos einen festen Platz zuschreibt.
Weiterhin stellt Brown die Frage, ob das aufkommende Christentum zu einer intoleranteren Haltung von Staat und Gesellschaft gegenüber Andersgläubigen - wie Heiden oder Juden - beiträgt. Von Intoleranz zeugen ja gerade zahlreiche staatlich erlassene Gesetze , wie sie im Codex Theodosianus, einer Gesetzessammlung aus dem frühen 5. Jh., belegt sind, oder antipagane, -jüdische Handlungen. Doch darf man, so der Autor, diese Beobachtungen nicht isoliert auf den Christianisierungsprozess zurückführen. Relgiös motivierte Intoleranz ist vielmehr ein " spezieller Bestandteil der spätantiken Technologie der Macht". Mit diesem Argument / dieser Deutung steht Brown in einer guten soziologischen Tradition, nach der soziale Prozesse - nichts anderes ist u.a. auch die Christianisierung - niemals eindimensional zu betrachten sind, sondern denen Interdepedenzketten / Verflechtungszusammenhänge - Figurationen wie Norbert Elias sie nennt - zugrunde liegen.
In seinem letzten beitrag beleuchtet Brown die Funktion der Heiligen bei der Christianisierung der "Welt", die ja die Präsenz des Christengottes vor Ort veranschaulichten. Der Autor entwickelt hier kritisch seine eigenen Gedanken weiter, die er bereits zwanzig Jahre zuvor in seiner Schrift "The Rise and the Function of the Holy Man" darlegte. Die Heiligen sind für Brown Sammelpunkte für religiöse Verhaltensmuster, ihre Funktion besteht darin, diese zu sammeln und zu kanalisieren/ ordnen und somit den sie umgebenden Menschen ein kohärentes Religionsbild vorzuleben, was letztlich nicht unwesentlich für die universale Ausbreitung des Christentums war.
Das Büchlein bietet insgesamt überaus interessante und anregende Gedanken. Der Autor ist ein wahrer Kenner der antiken Quellen und versteht es, diese auch in ihrer gesellschaftlichen und politischen Bedeutung zu lesen. Fünf Sterne, da äußerst anregend!