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Autobiographie von Alice B. Toklas
 
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Autobiographie von Alice B. Toklas [Gebundene Ausgabe]

Gertrude Stein , Roseli Bontjes van Beek , Saskia Bontjes van Beek
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
  • Verlag: Arche Verlag; Auflage: Neuausg. (März 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3716022195
  • ISBN-13: 978-3716022191
  • Größe und/oder Gewicht: 22 x 14,9 x 2,9 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Gertrude Stein
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das Ende der Interpunktion

Zum 50. Todestag von Gertrude Stein

Von Stefana Sabin

Mehrere Neuerscheinungen markieren den fünfzigsten Todestag der amerikanischen Dichterin Gertrude Stein, die am 27. Juli 1946 in Paris starb. In ihrem Werk setzte sie sich über literarische so gut wie sprachliche Konventionen hinweg; auf Grund ihrer inhaltlichen und formalen Experimente gilt sie als «Mutter der Moderne».

«Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wenig mich die pathologische Psychologie interessiert und wie mich die ganze Medizin langweilt» – mit diesen Worten verabschiedete sich Gertrude Stein von einem ihrer Professoren und brach ihr Studium ab. Kurze Zeit später reiste sie ihren beiden Brüdern Michael und Leo nach, die sich in Paris niedergelassen hatten.

Sie kannte Paris schon. 1874 in Allegheny, Pennsylvania, geboren, war Gertrude Stein bereits als Kind mit ihrer Familie nach Europa gekommen. Die Steins hatten drei Jahre in Wien gelebt, dann ein weiteres Jahr in Paris, bevor sie nach Amerika zurückkehrten. Deutsch, dann Französisch waren die Sprachen, die Gertrude Stein hörte und sprach. Englisch lernte sie erst in der Schule, und ihr Umgang mit der englischen Sprache blieb ihr Leben lang von spielerischer Distanziertheit geprägt.

Auch als Studentin in Harvard, wo sie sich 1893 am Frauencollege für Philosophie einschrieb, pflegte sie einen unkonventionellen sprachlichen Stil. Sie fand aber einen aufgeschlossenen Lehrer in William James. James' Pragmatismus übernahm Gertrude Stein ebenso wie die Gedanken von der fliessenden Wirklichkeit und dem Bewusstseinsstrom. Während sie wissenschaftlich vorankam und schon in einschlägigen Zeitschriften publizierte, blieb ihr die puritanische Gesellschaft von Harvard fremd. Ihre wichtigste Bezugsperson war ihr Bruder Leo, der auch in Harvard studierte. Als er zur renommierten Johns Hopkins University in Baltimore überwechselte, zog Gertrude ihm nach und schrieb sich für Medizin ein. Zusammen zogen die Geschwister in die East Biddle Street und engagierten eine Haushälterin, Lena Lebender, die das Vorbild für die Figuren der Hausangestellten, «die gute Anna» und «die sanfte Lena», in den gleichnamigen Erzählungen abgeben sollte.

Die Figuren von Anna und Lena erinnern an Flauberts Félicité, die Heldin der Erzählung «Ein einfaches Herz», und wie diese werden sie in einem distanzierten Ton vorgestellt, ein wenig mitleidig und ein wenig herablassend. In beiden Erzählungen kennen die Handlungen keine Entwicklung und keine Auflösung – der Tod der Hauptfigur beendet sie. Zwar wird die Chronologie eingehalten, aber sie wird in kleine Zeiteinheiten aufgebrochen; erst die Akkumulation dieser Erzählmomente macht die Realität der Fiktion aus. Die lose narrative Struktur wird durch eine genau konstruierte Sprache zusammengehalten, welche Wiederholungen von Wörtern und Sätzen zum stilistischen Merkmal macht. Die Notwendigkeit dieser Repetitionen ist inhaltlich bedingt, denn nicht Handlung, sondern psychische Beschreibung interessiert Stein: sie will Verhaltensmuster beschreiben und sprachlich fassen.

Wie in den Erzählungen bemutterte die Hausangestellte auch in der Wirklichkeit ihre Herrschaft, Leo und Gertrude Stein. Deren Haus in Baltimore wurde zu einem Mittelpunkt des intellektuellen Lebens, und mehr und mehr vernachlässigten die beiden ihr Studium zugunsten von Galerie- und Museumsbesuchen. Schliesslich brach Leo 1900 das Studium ab und ging nach Europa, um Künstler zu werden. Gertrude zog in eine Wohnung um, ging neue Freundschaften ein und geriet in eine «dekadente» Gesellschaft, die die ästhetischen und moralischen Regeln des puritanischen Bürgertums in Frage stellte. In einer Atmosphäre von geistiger Freizügigkeit hatte sie eine Affäre, die den Stoff für den kurzen Roman «QED» abgeben sollte.

Dieser Text, der erst postum veröffentlicht wurde, ist eine Geschichte um drei Frauen, die den weiblichen Figuren von Henry James nachempfunden sind: finanziell unabhängige Amerikanerinnen aus dem Bildungsbürgertum, die nach Europa fahren. Die Dreizahl bestimmt die Struktur des Textes: In drei Jahren unternehmen die drei Frauen drei Reisen nach Europa; die Grundform des Romans ist ein gleichschenkliges Dreieck: zwei der Frauen stehen in der Liebesbeziehung zur dritten. – Ob wirklich die Beziehung, die das Vorbild für den Roman gab, der Grund dafür war, dass Gertrude das Interesse am Studium verlor, oder ob ihr Leos Ansporn und seine Unterstützung fehlten – jedenfalls brach auch sie ihr Studium ab und fuhr nach Europa.

PARISER FREUNDSCHAFTEN

Leo hatte inzwischen in Paris ein Haus direkt am Parc du Luxembourg, Rue de Fleurus 27, gemietet; 1903 zog Gertrude Stein zu ihm. Wie früher in Baltimore ging sie mit ihm in die Museen und Galerien, und gemeinsam kauften sie Bilder von Cézanne und Matisse, aber auch von Picasso und Renoir. Und Gertrude Stein begann zu schreiben – nicht als Zeitvertreib, sondern als «a real occupation» (W. H. Auden).

Unermüdlich füllte sie Hunderte von Seiten mit ihrer unleserlichen Schrift. Sie schrieb Gedichte, in denen sie Lautmalerei und semantische Assoziation zum Gestaltungsprinzip machte; literarische Porträts, in denen sie die satirische Beschreibung einer Person mit absurden Dialogen und narrativen Fetzen versetzte und das Gerundium als Substantiv, Adjektiv und Verb zugleich verwendete; Stücke, in denen sie den Figuren keine Namen und keine Bühnenanweisungen gab; Erzählungen, in denen sie ganz programmatisch das «continuous present» als Erzähltempus verwendete und auf Zeichensetzung verzichtete. Und sie schrieb einen Roman, der ihre «Great American Novel» werden sollte.

In den Zeitschriften, die die amerikanischen Expatriierten in Paris herausgaben, veröffentlichte sie ihre Texte neben denen von T. S. Eliot, Pound oder Joyce. An der Bedeutung ihres Schreibens zweifelte sie nie, und in Picasso fand sie einen ihr ebenbürtigen Freund: beide waren von ihrer besonderen Begabung überzeugt. Zugleich fand Stein in Alice B. Toklas nicht nur eine tüchtige Sekretärin und engagierte Lektorin, sondern auch eine Leserin. Toklas korrigierte die Fahnen des Bandes «Drei Leben», der drei Erzählungen, drei Entwürfe von Frauenfiguren vereinigte: die zwei Geschichten über die Haushälterinnen, die sie schon einige Jahre vorher geschrieben hatte, und die Erzählung «Melanctha», die Steins literarischen Ruhm begründete. Denn in Melanctha schuf sie eine moderne Frauengestalt: eine junge Frau auf der Suche nach sich selbst, die sich anpassen, aber nicht aufgeben will. Zudem fand Stein hier eine Darstellungsform zwischen Erzählen und Beschreiben, die zusammen mit dem «continuous present» als Erzähltempus und den repetitiven Sprachmustern ihren spezifischen Stil ausmacht.

SPRACH-OBJEKTE

1909 zog Alice Toklas in die Rue de Fleurus ein. Leo zog, nach vierjährigem «ménage à trois», 1913 aus. Gertrude Stein schrieb sich von seinem Einfluss frei: in dem langen Prosatext «Zwei: Gertrude Stein und ihr Bruder» analysierte sie ihre Beziehung und schuf zugleich ein «Porträt der Dichterin als junge Frau». Und während sie weiterhin alle Gattungen ausprobierte, fand sie zu einem neuen Stil, einer Art Prosadichtung: In dem Band «Zarte Knöpfe» versammelte sie Beschreibungen von Gegenständen, Speisen und Räumen. Es waren sprachliche Stilleben, die in einer Mischung aus Essay, Beschreibung und freier Assoziation, in einer spröden, gewollt einfachen Sprache und unter Missachtung der Zeichensetzung abgefasst waren.

Dieser Band und die Sammlung «Drei Leben» verschafften ihr eine gewisse Bekanntheit. Die Zeitschrift «Life» veröffentlichte einige ihrer Texte, und sie wurde zu Vorträgen nach London eingeladen, wo sie vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht wurde. Die Kriegszeit verbrachten Stein und Toklas teilweise in England, teilweise in Palma de Mallorca, dann wieder in Paris, wo sie Freiwilligendienste leisteten: mit dem aus Amerika importierten Ford, den Stein fuhr, lieferten sie Medikamente aus. Steins Vorliebe für Ford-Autos wurde ebenso berühmt wie ihre ungewöhnliche Frisur – kurz geschorene Haare – und ihr interpunktionsloses Schreiben.

Als sie wieder einmal keinen Verleger fand, beschloss Gertrude Stein, ihre Schriften selbst zu publizieren. Der Verkauf einiger Bilder sicherte den Anfang des Verlags, den sie «Plain Edition» nannte. Unter diesem Signum erschienen ab Ende der zwanziger Jahre mehrere ihrer Werke, neue und alte: ihre theoretischen Essays, ihre Stücke, ihr tausendseitiger Roman «The Making of Americans Being The History of a Family's Progress». Inhaltlich ist dies ein Familienroman, der individuelle Lebensläufe und nationale Historie verknüpft: doch der Roman, im «continuous present» erzählt, kennt keine Dialoge, keine dramatische Entwicklung der Handlung, keine psychologische Entwicklung der Figuren; der Wortschatz ist nahezu auf Basic English reduziert und die Syntax in höchstem Masse parataktisch – der Text zerstört die traditionelle realistische Erzählweise ebenso wie die psychologische und markiert das literarische Ende der Interpunktion.

Die formalen und stilistischen Neuerungen dieses Romans, nicht zuletzt auch sein Umfang, machten die Rezeption schwierig. Während 1922 die Veröffentlichung von «Ulysses» Joyce zum Helden der literarischen Avantgarde und 1925 die Uraufführung von «Ballet Mécanique» den Komponisten George Antheil zum Enfant terrible der Musikszene erhob, wurde «The Making of Americans» kaum wahrgenommen. Aber unter den Pariser Expatriierten galt Steins Schreiben als Wegweiser zu neuen sprachlichen Dimensionen.

Der besondere Rhythmus der Wiederholungen und Assoziationen schuf eine Musikalität, die ihre Texte zu Kompositionen machte. Immer wieder hatte sie Stücke geschrieben, die sie denn auch als Libretti bezeichnete und in denen sie die Angleichung der Sprache an Musik ausprobierte. Schliesslich bot ihr Virgil Thomson die Gelegenheit, tatsächlich ein Opernlibretto zu schreiben. Die Oper, «Four Saints in Three Acts,» wurde 1934 mit grossem Erfolg in New York uraufgeführt und machte Stein auch in der Musik- und Theaterszene Amerikas bekannt.

BIOGRAPHISCHES VERWIRRSPIEL

Kurz zuvor war schon ihre Autobiographie zum Bestseller geworden: «Die Autobiographie von Alice B. Toklas». Nach zwanzig Jahren enigmatischer Äusserungen und hermetischer Prosa wählte Stein für ihre Autobiographie eine klare Sprache und eine deutliche Erzählstimme: diejenige von Alice B. Toklas. Alice ist die Erzählerin, Stein selbst kommt als Hauptfigur vor. Sie gab dem Buch keine Gattungsbezeichnung und förderte damit das Verwirrspiel um die Identitäten. Denn das Buch, scheinbar von Alice verfasst, endet mit der Auskunft, dass es das Buch von Gertrude sei: «Vor etwa sechs Wochen sagte Gertrude Stein, es sieht mir gerade nicht so aus, als ob du jemals deine Autobiographie schreiben würdest. Weisst du, was ich tun werde? Ich werde sie für dich schreiben.» Aber das Buch ist ebensowenig die Autobiographie von Alice B. Toklas wie die Lebensgeschichte von Gertrude Stein. Es ist ein autobiographischer Roman im strengen Sinn: die subjektive Darstellung eines Lebens mit literarischen Mitteln. In einer Mischung aus Dichtung und Wahrheit rekonstruierte Stein anhand einiger realer Ereignisse ihr Leben und gab ihm den Glanz, den es nie gehabt hatte. Der Abbruch des Studiums in Baltimore wird im Buch zur Anekdote, das Leben in Leos Schatten während der ersten Pariser Jahre zum intellektuellen Erwachen, das aussichtslose Schreiben zur künstlerischen Leidenschaft. Gertrude Stein schrieb ihre eigene Legende, und die war überzeugend.

Aber das Buch erzählt mehr als eine Version von Gertrude Steins Leben. Es erzählt von einem heroischen Kampf um die Moderne, vom ästhetischen Sieg des Kubismus, vom Leben und Überleben während des Ersten Weltkriegs, von der «verlorenen Generation» amerikanischer Schriftsteller in Paris, und es erzählt das alles in einer einfachen Sprache, die sich am gesprochenen Englisch orientiert. Verschwunden sind die komplexe Syntax, die Wiederholungen, das «continuous present», die Wortspiele und Assoziationen. Übriggeblieben ist eine klare Erzählsprache, arm an Bildern und reich an Ironie.

EUROPA–AMERIKA

Die «Autobiographie» brachte der bis dahin wenig bekannten Dichterin eine Einladung zu einer Lese- und Vortragstour nach Amerika ein. Am 24. Oktober 1934 kamen Gertrude Stein und Alice Toklas in New York an; nach 31 Jahren kehrte die Schriftstellerin zum erstenmal nach Amerika zurück. Die Reise wurde ein Erfolg: ob in grossen Städten oder an kleinen Universitäten – überall fand Stein ein aufgeschlossenes Publikum; sie gab Interviews, wurde ins Weisse Haus eingeladen, lernte in Hollywood Berühmtheiten wie Dashiell Hammett und Charlie Chaplin kennen, besuchte alte Freunde und reiste zu den Orten ihrer Kindheit. Erst im Mai 1935 kehrten sie nach Paris zurück. Stein nahm das mondäne Leben, aber auch das Schreiben wieder auf und verarbeitete ihre amerikanische Erfahrung im Buch, «Jedermanns Autobiographie», das aber den Erfolg der ersten Autobiographie nicht wiederholen konnte.

In «Paris, Frankreich» wendet sich Stein dann ihrer Wahlheimat zu und setzt dieser ihr Herkunftsland entgegen. Anders als die pathetischen Bekenntnisse zur amerikanischen Demokratie in «Paris, Frankreich» glauben machen könnten, liess sich Stein auf keine politische Meinung festlegen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überraschte sie in Südfrankreich, wo sie mit Toklas bis nach der Landung der Alliierten in relativer Sicherheit blieb. Die Tagebucheintragungen der Jahre 1943 und 1944 verarbeitete sie in «Kriege, die ich gesehen habe» zu einem inneren Monolog, der die Diktatur mit den Idealen der Freiheit kontrastiert, die von Amerika symbolisiert werden. Hier sind die amerikanischen Soldaten zu Helden stilisiert; in der Erzählung «Brewsie und Willie» dagegen treten sie als infantile Angeber auf. Diese Erzählung ist aus Gesprächen mit und zwischen Soldaten komponiert, und zum erstenmal sind darin amerikanischer Slang und dialektale Sprachmerkmale übernommen. Die daraus entstehende Mischung aus Naivität und Abstraktheit prägt auch die späteren Stücke – einige davon, wie «Doctor Faustus Lights The Lights», sind in den letzten Jahren durch Robert Wilson wieder aufgeführt und einem breiten Publikum bekanntgemacht worden.

Als Gertrude Stein am 27. Juli 1946 in Paris starb, stellten die Nachrufe in der französischen und amerikanischen Presse ihre literarischen Experimente noch zur Diskussion; heute gilt sie unzweifelhaft als Klassikerin der Moderne. Dabei ist ihr Werk nach wie vor unbekannt. Mehr als die Leser haben schon immer Schriftstellerkollegen den «steinigen» Stil geschätzt. In Thornton Wilders Konzept der Zufälligkeit und in Hemingways bildarmer Sprache und langsamem Erzählen, in der hermetischen Lyrik von Wallace Stevens und in den imagistischen Gedichten von William Carlos Williams ist Stein wiederzuerkennen. Das fragmentarische Erzählen der «Beat generation» und die repetitive und klischeehafte Sprache Kurt Vonneguts verraten Steins Einfluss ebenso wie der kontinuierliche Monolog Nathalie Sarrautes, die inhaltlichen Experimente des französischen «Nouveau roman» oder die sprachlichen Experimente der Gruppe Oulipo. Steins Einfluss ist auch in der deutschsprachigen Literatur zu spüren: In Thomas Bernhards Satzspiralen, in Oskar Pastiors anagrammatischer Lyrik, in Ernst Jandls Mischung aus Nonsense und Dada oder in Zsuzsanna Gahses redundanter Prosa.

Gertrude Stein ist bis heute durch ihren Einfluss auf die Literatur gegenwärtiger als durch ihr eigenes Werk. Das kann damit zu tun haben, dass ihre Texte neue Lesegewohnheiten verlangen: Stein-Leser müssen bereit sein, das sprachliche Puzzle des Textes zusammenzusetzen. Dann entstehen verwirrende, aber auch durchaus amüsante Wortgebilde, entstehen – wie Ursula Krechel schrieb – «weitläufige Prosagebirge ohne Gipfel, literarisches Hochplateau, auf dem die Luft nicht dünn wird».

Neuauflagen zum 50. Todestag:

Buch der 1000 Bücher

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)

Autobiografie von Alice B. Toklas
OT The Autobiography of Alice B. Toklas OA 1933 DE 1955 Form Autobiografie Epoche Moderne
Die 1933 erschienene Autobiografie von Alice B. Toklas gilt als das erfolgreichste literarische Werk von Gertrude Stein. Die Popularität des Buchs, das in einem vergleichsweise konventionellen Erzählstil geschrieben ist und damit eine Sonderstellung im Gesamtwerk der Autorin einnimmt, lässt sich vornehmlich auf seinen unterhaltsamen Kolportagecharakter zurückführen. Stein verknüpfte darin ihre Memoiren mit Anekdoten aus den ihr wohlvertrauten Künstlerkreisen im Paris der Jahre 1903-32.
Inhalt: Das Buch beginnt mit den Kindheits- und Jugenderinnerungen der vermeintlichen Autobiografin Alice B. Toklas (1877-1967) bis zu ihrer ersten Begegnung mit Stein im Jahr 1907. Dass diese frühen Erinnerungen kaum zwei Seiten füllen, das eigentliche Leben der Toklas also erst mit ihrer Beziehung zu Gertrude Stein beginnt, entspricht der im Buch immer wieder zum Ausdruck gebrachten, tiefen Bewunderung für die Freundin. – Wohlgemerkt ist es eigentlich Stein selbst, die hier berichtet und die Perspektive ihrer langjährigen Sekretärin und Lebensgefährtin Alice einnimmt, um ihr eigenes Leben zu schildern.
An das Einleitungskapitel schließen sich sechs umfangreichere Kapitel an, die die Erzählerin Toklas (resp. Stein) wie folgt überschreibt: Meine Ankunft in Paris – Gertrude Stein in Paris, 1903 bis 1907 – Gertrude Stein, ehe sie nach Paris kam – Die Jahre 1907 bis 1914 – Der Krieg – Nach dem Krieg.
Im Zentrum des Romans, der mit dem Lebensweg von Stein zugleich eine Erfolgsgeschichte erzählt, stehen ihre unzähligen Begegnungen, Bekanntschaften und Freundschaften mit einigen der berühmtesten Künstler und Schriftsteller ihrer Zeit. Pablo Picasso und seine Gefährtin Fernande, Henri Matisse und seine Frau, Guillaume Apollinaire, Robert Delaunay, Juan Gris, Henri Rousseau, Tristan Tzara, Eric Satie, Djuna Barnes, Man Ray, Max Jacob, Ernest R Hemingway, Sherwood R Anderson und viele andere suchten in der Rue de Fleurus, wo Stein regelmäßig ihren Samstagabend-Salon (Stichwort R S. 1025) veranstaltete, erfolgreich nach Unterhaltung und intellektueller Stimulation. Persönliche Reibereien wie etwa die zwischen Stein und Ezra R Pound oder zwischen Picasso und George Braque werden – gleichsam als Belege eines nicht immer harmonischen Miteinanders – eingestreut und dienen nicht selten dazu, die Hauptperson Stein als einen eigenwilligen, aber genialischen Menschen erlebbar zu machen. Zum Teil illustrieren diese Konflikte jedoch auch das Aufeinandertreffen verschiedener künstlerischer Positionen, so wie andererseits die enge Beziehung zwischen Stein und Picasso auf einem ähnlichen Kunstverständnis beruht.
Der Part, der Alice B. Toklas in dieser illustren Gesellschaft zugewiesen wird, mutet gerade im Hinblick auf ihre Eigenschaft als Steins Lebensgefährtin mitunter befremdlich an: »Wie ich schon sagte, war Fernande die erste Frau eines Genies, neben der ich je gesessen hatte. Die Genies kamen und sprachen mit Gertrude Stein, und ihre Frauen saßen bei mir.«
Wirkung: Der Wert dieses Buchs als Dokument des Pariser Kunstlebens und als Erinnerungsbericht einer in ihrer Zeit viel beachteten Dichterin bleibt unumstritten. Der viel zitierten Aussage des Autors Ernst A. Ekker, Stein sei mit diesem Werk eine »hintersinnige Demontage der Gattung Autobiografie« gelungen, sei jedoch folgender Kritikpunkt hinzugefügt: Mit dem Kunstgriff, ihre Autobiografie in eine Biografie zu verwandeln, umgeht Stein die Schwierigkeiten einer kritischen Selbstreflexion und ersetzt sie durch die Möglichkeit, die eigene Person völlig unverhohlen als Genie zu zelebrieren. B. S.

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Faszinierend! 23. März 2012
Von PC Snow
Format:Gebundene Ausgabe
Eine absolut faszinierende Lektüre!

Anfangs mag sich der eine oder andere Leser etwas abgeschreckt fühlen durch das Bombardement mit so vielen, berühmten Namen, aber gerade für diejenigen, die sich schon ein wenig auskennen vor allem mit der Szene der bildenden Künstler jener Zeit (Picasso, Gris, Cézanne, Rousseau, dazu die vielen Entdecker, Händler, Mäzene etc. wie Vollard oder Uhde), bietet es einen unerschöpflichen Schatz an Anekdoten und interessanten, biografischen Details.

Mehr und mehr gewinnt man auch Einblick in das Wesen von Gertrude Stein, ihre Persönlichkeit und ihre Beziehung mit Alice B. Toklas.

Der Stil ist für Gertrude Stein außergewöhnlich klar verständlich und gut zu lesen.
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